Warum ich mich einbringe – und warum sich im System der persönlichen Assistenz endlich etwas ändern muss.




von Ilka Hannig

Ich werde oft gefragt, warum ich mich so engagiere, warum ich so offen über mein Leben spreche und warum ich mich in Diskussionen begebe, die anstrengend, verletzend oder voller Missverständnisse sind. Die Antwort ist einfach: Weil zu viele Menschen über mein Leben in Schubladen denken und glauben, sie wüssten besser, was für mich gut ist – nur weil ich eine körperliche Einschränkung habe und auf persönliche Assistenz angewiesen bin. Und genau deshalb erhebe ich meine Stimme: Weil ich weiß, wie schnell Selbstbestimmung verloren gehen kann, wenn andere anfangen, über einen zu bestimmen.

Auf dem Papier ist vieles klar geregelt: In § 29 SGB IX steht, dass Menschen mit Behinderung Leistungen zur Teilhabe als „Persönliches Budget“ erhalten können, um ihr Leben selbstbestimmt zu organisieren. § 78 SGB IX beschreibt Assistenzleistungen als Unterstützung für ein Leben nach eigenen Vorstellungen. Die UN-BRK Artikel 19 garantiert das Recht auf unabhängiges Leben, Assistenz und freie Wahl. Und das Bundesteilhabegesetz verspricht, Teilhabe zu stärken. Doch die Realität sieht anders aus. Ich lebe mit Persönlicher Assistenz im Arbeitgebermodell und damit trage ich jeden Tag enorme Verantwortung, aber ohne echte Arbeitgeberrechte. Ich muss Arbeitsverträge schreiben, Dienstpläne koordinieren, Abrechnungen machen, Personal finden, Konflikte lösen – und dennoch hängt jede meiner Entscheidungen am Ende vom Kostenträger ab. Welche Löhne gezahlt werden dürfen, welche Stunden bewilligt werden, welche Tätigkeiten erlaubt sind – all das legt nicht der Arbeitgeber fest, sondern die Behörde. Und diese Vorgaben unterscheiden sich von Bundesland zu Bundesland, manchmal sogar von Bezirk zu Bezirk. Das verstehen viele nicht.

Das führt dazu, dass in Gesprächen und vor allem in sozialen Netzwerken extreme Spannungen auftreten. Heute erst habe ich wieder lange mit meiner Assistentin über einen Chat diskutiert, in dem Menschen mit heftigen Worten kommentierten: von „Sklavenarbeit“ bis „moderne Ausbeutung“. Dort wurde deutlich, wie wenig Verständnis viele für das Konzept der persönlichen Assistenz haben. Manche denken, Assistenz sei Betreuung – das ist sie nicht. Manche glauben, Assistentinnen würden Entscheidungen über das Leben der Assistenznehmer treffen – das tun sie nicht. Und andere denken, Assistenznehmerinnen hätten Macht über das gesamte Leben der Assistenten – auch das stimmt nicht. Assistenz heißt: Die Assistenzkraft ersetzt die körperlichen Tätigkeiten, die der behinderte Mensch selbst nicht ausführen kann. Punkt. Sie trifft keine Entscheidungen über das Leben des Assistenznehmers. Und der Assistenznehmer trifft keine Entscheidungen über das Privatleben der Assistenzkraft. Aber – und das ist wichtig – wer als Assistenzkraft arbeitet, muss verstehen, dass man am Arbeitsplatz ein Stück persönlichen Ausdrucks zurücknimmt. Nicht, weil man weniger wert ist, sondern weil der Beruf genau darauf basiert: auf Nähe, auf Vertrauen, auf Rollenverständnis, auf Professionalität. Wer diesen Job aus freien Stücken wählt, entscheidet sich bewusst dafür, im Dienst dem anderen Menschen den Rahmen zu geben, den er braucht, um selbstbestimmt leben zu können.

Was ich im heutigen Chat jedoch sah, war keine sachliche Diskussion. Es war Wut, Frust, Missverständnis, Respektlosigkeit. Und ich verstehe, warum das passiert: Das System ist nicht klar. Es gibt keine einheitlichen Berufsstandards, keine bundeseinheitlichen Löhne, keine Ausbildung, keine klare Struktur. Alles ist individuell geregelt, alles wird im Einzelfall entschieden. Assistenznehmerinnen müssen mit jeder Behörde neu kämpfen. Assistentinnen müssen Aufgaben erfüllen, die sie oft nicht verstehen, weil es ihnen niemand erklärt hat. Es fehlt ein gemeinsamer Rahmen. Und genau deshalb prallen Emotionen, Erfahrungen, Verletzungen und Erwartungen aufeinander – und nicht selten entladen sie sich ungerecht an Menschen, die selbst Opfer eines unübersichtlichen Systems sind.

Ich selbst wollte arbeiten, auch wenn ich eine Einschränkung habe. Ich wollte in den Teilerwerb, ich wollte mich selbstständig machen und eine Beratung für Menschen mit Behinderung aufbauen. Acht Jahre stand ich deswegen mit der Deutschen Rentenversicherung vor dem Sozialgericht. Acht Jahre kämpfen. Am Ende durfte ich nicht arbeiten. Und weil ich nicht arbeiten durfte, bekomme ich heute keine Rente. Ich lebe am Existenzminimum, mit Schulden, weil mir das System keinen Raum lässt, mein eigenes Geld zu verdienen. Ehrenamtlich darf ich so viel arbeiten, wie ich will – aber bezahlt nicht. Und trotz alldem lebe ich mit persönlicher Assistenz im Arbeitgebermodell und trage dadurch Verantwortung wie eine Arbeitgeberin – nur mit weniger Rechten, weniger Mitteln und mehr Einschränkungen. Genau deshalb kämpfe ich für das, was mir an Selbstbestimmung geblieben ist.

Die Situationen, wie ich sie heute in Chats sehe, erklären für mich klar, warum es so schwer ist, gute Assistentinnen und Assistenten zu finden: Es fehlt ein Berufsbild. Es fehlt Standardisierung. Es fehlt einheitliche Bezahlung. Es fehlt eine klare politische Linie. Vor allem aber fehlt Aufklärung – für beide Seiten. Wir brauchen dringend ein System, das Menschen nicht gegeneinander ausspielt. Ein System, das würdigen Respekt ermöglicht. Ein System, das erklärt, statt zu verwirren. Ein System, das stärkt, statt zu spalten.

Es ist keine Schuldfrage. Es ist eine Systemfrage. Und deshalb schreibe ich. Deshalb engagiere ich mich. Deshalb erhebe ich meine Stimme – für die, die leise sind, und für die, die nie erklären konnten, was dieses Leben wirklich bedeutet. Ich mache weiter. Nicht weil es leicht ist. Sondern weil es richtig ist.

Zwischen Klarheit, Verantwortung und einem leisen Kampf in mir.

Tagesnotiz – 13. November 2025

Heute war einer dieser Tage, an denen ich still gearbeitet habe – still im Außen, laut im Innen.
Ich habe meinen Kalender geöffnet und Punkt für Punkt abgearbeitet. Keine Ablenkung, kein Wegschieben, keine Ausreden. Einfach machen.
Und tatsächlich: Ich habe alles geschafft, was ich mir vorgenommen hatte.

Ein wichtiger Teil davon war natürlich auch der Verein.
Ich habe gemeinsam mit meinem Business-Team die überarbeitete Satzung final durchgesehen. Wir haben jeden Absatz geprüft, jede Formulierung abgewogen. Danach habe ich alles an das Notariat geschickt – zur rechtlichen Prüfung.
Ein großer Schritt.
Ein Zeichen: Es geht voran.
Es wird real.

Dann habe ich auch noch am Social-Media-Post für unser nächstes Info-Event am 8. Dezember gearbeitet. Schritt für Schritt werden wir sichtbarer, greifbarer, verbindender.
Das fühlt sich gut an.
Richtig gut.

Und doch war mein Inneres heute wie ein kleines Schlachtfeld.
Herz und Seele haben miteinander gerungen.
Ich stehe an einem Punkt, an dem ich eine klare Grenze setzen muss – für mich, für meine Sicherheit, für meine Versorgung.
Als Arbeitgeberin darf manches nicht mehr wackeln.
Da geht es um Verantwortung, Stabilität, Verlässlichkeit.

Aber als Mensch fühle ich.
Und das tat heute weh.

Diese Doppelrolle… sie fordert mich gerade sehr.
Ich musste bewusst meine privaten Emotionen hinten anstellen, um eine Entscheidung zu treffen, die notwendig ist – nicht leicht, aber notwendig.

Also habe ich tief durchgeatmet.
Bin in mich gegangen.
Und die Teamsitzung weiter vorbereitet, auch wenn ich weiß, dass sie herausfordernd wird.
Aber ich nehme diese Herausforderung an.
Wie immer.

Denn eines weiß ich:
Ich finde Lösungen.
Ich finde Wege.
Ich schaffe das.

Jetzt liege ich hier… ein bisschen erschöpft, aber auch stolz.
Weil ich heute still, aber stark war.

„Ein Tag, der mich bewegt hat – außen wie innen.“

Tagesnotiz – 12. November 2025

Heute war so viel los – nicht nur draußen in Berlin, sondern auch in mir. Ich bin schon heute Morgen mit dem Gefühl aufgestanden, dass ich Entscheidungen treffen muss, was mein Assistenzteam betrifft. Manche Dinge gehen einfach nicht, so wie sie gerade laufen. Wenn ich spüre, dass etwas meine Grenzen verletzt oder meine Lebensqualität beeinträchtigt, dann muss ich handeln. Es geht um mich, mein Leben, meine Selbstbestimmung. Und ich weiß: Ich werde in den nächsten Tagen einiges klarer regeln müssen.

Der Vormittag begann dann gleich mit etwas, das mich tief berührt hat.
Ich war bei der Demonstration vor dem Abgeordnetenhaus – zusammen mit vielen anderen Menschen mit Behinderung, Assistent:innen, Unterstützer:innen und Verbündeten. Es war wichtig, dort zu sein. Wichtig, sichtbar zu sein. Wichtig, zu sagen:

„Wir sind hier. Selbstbestimmung ist kein Luxus. Assistenz ist kein Extra. Assistenz ist Leben.“

Die Energie dort war stark – kraftvoll, solidarisch, emotional. Und gleichzeitig wusste ich, wie viele Menschen gerne dabei gewesen wären, aber nicht konnten: weil die Assistenz ausgefallen ist, weil der Körper streikt, weil das System sie im Stich lässt. Für sie war ich heute mit dort. Für uns alle.

Am Abend ging es weiter mit meiner Info-Veranstaltung für den Verein.
Es waren nicht viele Menschen da – aber weißt du was? Das war völlig okay. Manchmal entsteht gerade in kleinen Gruppen der ehrlichste, klarste und tiefste Austausch. Genau so wie heute: Respekt, Offenheit, echte Gespräche, keine Rollen, keine Masken. Einfach Menschen, die dasselbe Thema bewegt.

Ich habe über die App gesprochen, über die Vision für AssistenzGestalten e.V., über unsere Petition, über Struktur, Rechte, Zukunft. Und gleichzeitig war Raum für Sorgen, für Fragen, für persönliche Geschichten.
Es hat mich berührt – wirklich berührt.

Und jetzt?
Jetzt liege ich hier in meinem Bett. Körper müde, Herz voll.
Vieles bewegt mich.
Vieles tut auch weh.
Aber vieles macht mich auch unglaublich dankbar.

Ich weiß wieder ein Stück mehr, warum ich das alles mache.
Warum ich schreibe.
Warum ich kämpfe.
Warum ich dranbleibe.

Weil es uns alle betrifft. Weil es mein Leben betrifft.
Und weil Veränderung nicht wartet, sondern gemacht wird.

Persönlich, privat, nah

Tagesnotiz – 11. November 2025

Ich habe gestern nicht mehr geschrieben.
Ehrlich gesagt: Ich war zu müde.

Durch den Personalmangel ist hier gerade wieder viel improvisiert – so wie es das System eben manchmal von uns verlangt. Ich habe alles geschafft, was notwendig war, aber für mich selbst blieb wenig übrig.

Heute war ein emotionaler und gleichzeitig fleißiger Tag.
Ich habe organisiert, geschrieben, telefoniert, vorbereitet – und war dabei sehr bewusst in meinen Worten.

Manchmal ist es nämlich so:
Ich arbeite mit Assistent*innen, die noch gar nicht verstanden haben, was Persönliche Assistenz wirklich bedeutet.

Es ist kein „mal eben helfen“.
Es ist kein Nebenjob ohne Verantwortung.
Es ist mit mir leben – auf Augenhöhe, achtsam, reflektiert.

Und wenn jemand ohne diese innere Haltung in meinen Alltag tritt, dann prallt das direkt auf mein Leben, meinen Körper, meinen Kopf, mein Zuhause.
Und heute hat es mich verletzt.

Ich blieb ruhig.
Ich erklärte.
Ich führte.
Ich war Profi.

Aber innerlich tat es weh.
Weil ich Mensch bin.
Weil ich nicht hart werde will.
Weil ich jeden Tag versuche, Räume zu schaffen, in denen Würde selbstverständlich ist.

Und ich habe heute verstanden: Manchmal muss man Dinge in die richtige Zeit und in den richtigen Raum lenken, ohne Druck, ohne Kampf – damit klare Lösungen entstehen können.

Jetzt liege ich hier im Bett.
Eine Kerze brennt.
Ich atme langsam.

Morgen ist die Info-Veranstaltung.
Und trotz allem weiß ich:

Ich gehe meinen Weg.
Mit Herz.
Mit Haltung.
Mit mir.

Alles Liebe,
Ilka 懶

„Heute war ich einfach nur ich.“


️ Tagesnotiz – 09.11.2025

Heute habe ich ganz bewusst Sonntag gemacht.
Kein Plan. Kein Müssen. Kein Funktionieren.

Vormittags habe ich einfach ferngesehen.
Ich lag da, Kaffee in der Hand, meine Katzen neben mir – und habe mich durch verschiedene Sendungen treiben lassen, ohne Anspruch an mich selbst.
Und es tat gut. Wirklich gut.

Später habe ich etwas Leckeres gegessen und mich wieder eingekuschelt.
Meine Katzen wichen mir den ganzen Tag nicht von der Seite.
Tiere sind so sanfte Begleiter.
Sie brauchen keine Erklärungen.
Sie fühlen dich.
Sie nehmen dich so, wie du bist.

Und genau das war heute mein wichtigster Gedanke:

> Ich entschuldige mich nicht mehr dafür, wie ich bin.

Ich bin sensibel.
Ich bin klar.
Ich habe ein großes Herz und tiefe Gedanken.
Und ja – manchmal weine ich, weil Dinge mich berühren.
Aber das macht mich nicht schwach.
Das macht mich menschlich.

Ich finde meinen Weg auf meine Art.
Jede Träne, jede Pause, jeder Schritt gehört dazu.

Und heute war da wieder dieser Gedanke an meinen Opa.
Ganz still.
Ganz warm.

Ich glaube, er wäre stolz auf mich.
So richtig stolz.
Weil Aufgeben nie eine Option war — und nie sein wird.
Ich gehe weiter.
Aber heute durfte die Welt einfach mal ohne mich drehen.

Heute durfte ich einfach nur ich sein.

—

„Heute ging es um mich.“

Tagesnotiz – 08. November 2025

Heute habe ich einmal bewusst nicht gearbeitet.
Kein Verein. Keine Netzwerke. Keine Mails.
Sondern einfach mein Leben.

Ich habe etwas geordnet – aber nicht auf dem Schreibtisch, sondern in mir.
Ich habe für den 05. Dezember eine Teamsitzung geplant, und diesmal hole ich mir eine neutrale Person dazu.
Das war ein großer Schritt für mich.
Nicht, weil ich das nicht könnte – sondern weil ich verstanden habe, dass ich es nicht alleine lösen muss.

Die letzten Wochen haben mich viel Kraft gekostet.
Dieses ständige Improvisieren, Umschichten, Erklären, Trösten, Auffangen.
Und ja – diesmal hat es mich verletzt.
Ich habe gemerkt, dass ich auch nur Mensch bin.
Mit Herz. Mit Grenzen.
Und dass ich sie aussprechen darf.

Ich reiße mir für meine Assistenten oft ein Bein aus.
Und ich tue es gern – weil es Team ist, weil es Vertrauen ist, weil es mein Leben ist.
Aber Team heißt nicht, dass alles auf meinen Schultern liegen darf.
Also:
Ich setze jetzt Grenzen.
Nicht aus Härte – sondern aus Selbstfürsorge.
Und es fühlt sich richtig an.

Danach war ich richtig lange spazieren.
Herbstluft. Tiefer Atem.
Dann gab es Waffeln – warm, süß, genau das, was Seele kann.

Später kam noch ein Bekannter vorbei und hat mit mir meine Steuererklärung gemacht.
Auch das gehört zum Leben – nicht schön, aber erleichternd.

Und jetzt liege ich hier.
Lampe an.
Welt aus.
Ich schreibe.
Und merke, dass es gut war, heute einfach zu sein.

Ich glaube, manchmal heilt ein Tag leiser als man denkt.

— Ilka 

Schritt für Schritt weiter – mit Klarheit und Struktur.

Tagesnotiz – 07. November 2025

Heute war ein ruhiger und sehr konzentrierter Arbeitstag.

Ich habe weiter an der Überarbeitung der Satzung für AssistenzGestalten e. V. (in Gründung) gearbeitet. Dabei ging es vor allem darum, rechtliche Rahmenbedingungen sorgfältig zu klären und die Strukturen so aufzubauen, dass sie stabil und praxisnah sind.
Es braucht Zeit – und diese Zeit nehmen wir uns bewusst.
Langfristige Wirkung entsteht nicht über Nacht.

Parallel dazu habe ich mich erneut intensiv in der Netzwerkarbeit engagiert:

Gespräche geführt

Rückmeldungen gesammelt

Kontakte gepflegt

Perspektiven ausgetauscht

Es bewegt sich gerade viel – und es tut gut zu sehen, dass das Thema Persönliche Assistenz und selbstbestimmtes Leben immer mehr Menschen erreicht und verbindet.

Für die nächsten Schritte ist klar:
Wir werden die weitere Struktur des Vereins und die Umsetzung der anstehenden Projekte weiterhin sorgfältig planen und gemeinsam gestalten. Nachhaltigkeit entsteht durch Zusammenarbeit – nicht durch Eile.

Gefühl des Tages: ruhig, fokussiert, im Prozess.

Zwischen leisen Schritten und klaren Entscheidungen.

Tagesnotiz vom 06. November 2025

Heute war einer dieser Tage, die auf den ersten Blick still wirken – und doch in mir viel bewegt haben.

Ich habe weiter an der Recherche für die neue Satzung gearbeitet. Viel gelesen, sortiert, hinterfragt, neu gedacht. Es fühlt sich ein bisschen so an, als würde ich nicht nur einen Verein strukturieren – sondern auch Haltung, Richtung und Zukunft. Und ich merke dabei ganz deutlich: Eine stabile Basis ist keine Formalität. Sie ist Schutzraum. Für alle, die später Teil davon sind.

Parallel dazu war ich heute wieder viel in meinem Netzwerk unterwegs. Ich habe gelesen, gehört, beobachtet und mit Menschen geschrieben. Und ich habe gemerkt: Dieses Thema – persönliche Assistenz, Selbstbestimmung, Würde – es berührt. Und zwar tief. Es verbindet Menschen, die sich vorher vielleicht noch nie gesehen haben. Und es weckt ganz unterschiedliche Gefühle: Hoffnung, Wut, Mut, Suche.

Und in mir? Ich habe heute improvisiert.
Gewartet.
Entschieden.
Professionell reagiert, auch dort, wo es menschlich in mir leise gerumpelt hat.

Zwischendurch war ich länger spazieren. Einfach raus. Kopf und Herz durchlüften.
Die Herbstluft war kühl, das Laub laut unter den Rädern meines Rollstuhls.
Oder vielleicht war ich heute einfach besonders aufmerksam.

Es war kein spektakulärer Tag.
Kein Tag mit großen Ergebnissen oder Applaus.

Aber ein Tag, an dem ich innerlich klar gespürt habe:

Manchmal entsteht Veränderung nicht in den lauten Momenten.
Sondern in den stillen Tagen dazwischen.
In denen man einfach weitergeht.
Weiterdenkt.
Weitermacht.

Heute war so ein Tag.
Leise.
Und trotzdem voller Richtung.

–

Selbstbestimmung lässt sich nicht verschieben.


von Ilka Hannig

Die Senatsverwaltung für Arbeit und Soziales in Berlin ist aktuell besetzt.
Seit gestern halten Menschen mit Behinderung, persönliche Assistentinnen und Unterstützerinnen den Eingangsbereich in der Oranienstraße 106 friedlich besetzt. Draußen läuft eine begleitende Kundgebung.
Viele bleiben so lange, bis eine schriftliche Zusage vorliegt: Der Tarifvertrag im Arbeitgeber*innen-Modell muss vollständig refinanziert werden.

Währenddessen liefen parallel Gespräche im Abgeordnetenhaus.
Vertreter*innen des Bündnisses für selbstbestimmtes Leben sprachen dort mit Sozialsenatorin Cansel Kiziltepe und Finanzsenator Stefan Evers.
Es wurde erneut deutlich gemacht, worum es geht:

Es geht nicht um „mehr Geld fordern“.

Es geht nicht um Privilegien.

Es geht um die Sicherung eines Menschenrechts.

Ohne ausreichende Finanzierung werden persönliche Assistent*innen ab 2026 nur noch nach TV-L EG 3 bezahlt.
Das bedeutet bis zu 700 € weniger pro Monat — für einen Job, der Nähe, Verantwortung und Verlässlichkeit erfordert.
Wenn die Löhne fallen, brechen Teams weg.
Wenn Teams wegfallen, verlieren Menschen wie ich Autonomie, Wohnraum und Teilhabe.

Dabei ist das rechtlich eindeutig:

Artikel 19 UN-Behindertenrechtskonvention garantiert die freie Wahl von Wohnform und Lebensort.

§ 29 SGB IX sichert Assistenz zur selbstbestimmten Lebensführung.

Das Arbeitgeber*innen-Modell ist kein Luxus, sondern ein gesetzlich fest verankertes Teilhabeinstrument.

Und doch stehen wir jetzt an dieser Schwelle.

Ich kann selbst heute nicht in Berlin vor Ort sein —
weil ich Personalmangel habe.
Und genau das zeigt das Problem:
Wenn Arbeitsbedingungen nicht stimmen, fehlt Assistenz.
Wenn Assistenz fehlt, fehlt Alltag.
Wenn Alltag fehlt, fällt Selbstbestimmung.

Ich bin nicht im Gebäude.
Aber ich bin im Herzen dort.

Diese Besetzung ist kein „Aktionsbild“.
Sie ist ein Hilferuf, bevor ein Lebensmodell verschwindet.

Wir müssen sprechen — nicht später. Jetzt.

Selbstbestimmung ist kein Budgetposten.
Sie ist ein Menschenrecht.
Und Menschenrechte kürzt man nicht.

Ilka Hannig
AssistenzGestalten e.V. (in Gründung)
http://www.assistenzgestalten.de
 Crowdfunding zur Vereinsgründung: http://www.startnext.com/ich-bin-ilka-und-ich-gebe-nich

„Zwischen Bildschirm, Herz und Realität.“

Tagesnotiz – 05. November 2025

Heute war so ein Tag, der mehr innen passiert ist als außen.
Ich habe wieder intensiv an der Satzung für meinen Verein gearbeitet. Es war wichtig, alles nochmal genau durchzugehen – Punkt für Punkt, Wort für Wort. Nicht einfach nur, weil es „rechtlich korrekt“ sein muss, sondern weil ich möchte, dass dieser Verein wirklich trägt.
Dass er stabil ist.
Dass er Menschen schützt.
Dass er hält, was er verspricht.

Und während ich Formulierungen hin- und herschob, schrieb ich auch an einem Artikel über das Persönliche Budget im Arbeitgebermodell.
Ich merke, je mehr ich schreibe, desto klarer wird mir, wie tief dieses Thema geht.
Es geht nicht nur um Paragraphen.
Es geht um Menschen.
Um Leben.
Um Freiheit.
Und ja – manchmal auch um Angst.

Parallel dazu lief im Hintergrund ein Chat mit dem Arbeitgeberverband.
Heute haben mehrere Menschen mit Assistenzbedarf die Senatsverwaltung in Berlin besetzt – aus Protest.
Sie haben angekündigt, über Nacht zu bleiben.

Ich habe davor großen Respekt.
Dieses „Wir bleiben hier, bis ihr uns seht.“
Dieses „Unser Leben ist verhandelbar? Nicht mit uns.“

Und ich hätte gern dort gestanden.
Mit ihnen.
Mit meiner Stimme.
Mit meinem Herzschlag.

Aber ich konnte nicht, weil mein eigenes Assistenzteam gerade wackelt.
Weil die Realität manchmal lauter ist als der Wunsch.
Weil ich – wie viele von uns – oft zwischen Kämpfen wollen und irgendwie den Alltag schaffen müssen stehe.

Und das hat mich getroffen.
Still.
Weit drinnen.

Ich war heute also nicht körperlich dabei.
Aber ich war da.
Gedanklich.
Emotional.
Mit jeder Zeile.
Mit jeder Nachricht.
Mit jeder Faser.

Solidarität hat viele Formen.
Heute war meine leise.
Aber sie war echt.

Jetzt liege ich hier, atme tief – und irgendwie bin ich gleichzeitig erschöpft und wach.
Weil ich spüre:
Da bewegt sich gerade etwas.
Langsam.
Zart.
Doch spürbar.

Vielleicht ist das der Anfang von etwas, das wir lange gebraucht haben.
Vielleicht ist es einfach nur ein Mittwoch.
Ich weiß es nicht.

Aber ich weiß:
Ich gebe nicht auf.

—

Alles Liebe
Ilka 