Manchmal braucht es eben Menschen, die ein bisschen verrückt sind.

Tagesnotiz – Donnerstag, 23. Oktober 2025

Heute war einer dieser Tage, die sich gleichzeitig ewig und ganz kurz anfühlen.
Ich habe fast 7 Stunden damit verbracht, über meine Social-Media-Kanäle über 4.000 Menschen persönlich anzuschreiben – um sie auf meine Petition für den Runden Tisch Persönliches Budget aufmerksam zu machen.
Ehrlich gesagt, ich weiß gar nicht, woher ich die Energie genommen habe.

Und ja – vielleicht halten mich jetzt manche für völlig verrückt, weil ich das gemacht habe.
Aber ganz ehrlich: Wenn das so ist, dann bin ich eben verrückt.
Denn manchmal braucht es genau solche Menschen, die einfach machen,
die laut sind,
die unbequem sind –
weil sie daran glauben, dass Veränderung nur dann entsteht, wenn man selbst den ersten Schritt geht.

Zwischendurch war ich noch einkaufen und länger spazieren.
Die frische Luft tat gut – ich musste einfach mal durchatmen nach so viel Schreiben und Denken.
Mein Kopf war voll, mein Herz noch voller.

Am Abend hatte ich wieder mein Online-Coaching.
Es war unglaublich intensiv und hat mich ganz tief berührt.
Es hat mich daran erinnert, dass alle Fähigkeiten, alles Vertrauen, alle Emotionen, die ich für mein Leben brauche, schon in mir sind.
Ich darf sie einfach nur zulassen, annehmen und nutzen.

Ich habe wieder gespürt, wie stark mein Bauchgefühl ist,
wie klar meine innere Stimme mir den Weg zeigt,
und dass ich nicht immer alles erklären muss –
manchmal darf man einfach nur fühlen und vertrauen,
dass alles, was geschieht, seinen Sinn hat.

Und ja – es ist gut, Ziele und Träume zu haben.
Nicht nur für mich selbst,
sondern auch für andere.
Denn mein Herz ist mein Wegweiser –
und solange ich darauf höre, kann alles funktionieren.

Ich musste während des Coachings an meinen Opa denken.
Er wäre jetzt so stolz.
Ich sehe ihn noch vor mir,
wie ich als kleines Mädchen zu ihm sagte:
„Opa, irgendwann gehe ich meinen Weg. Egal, was kommt.“
Und er lächelte nur und sagte:
„Ich weiß, dass du das tun wirst.“

Jetzt liege ich hier, müde, aber ruhig,
und irgendwie ganz erfüllt.
Ich weiß, dass er heute lächeln würde –
weil ich es wirklich tue:
Ich gehe meinen Weg.

Alles Liebe,
Ilka

Zwischen Ruhe, Vorfreude und einem kleinen Kribbeln im Bauch.

Tagesnotiz – Mittwoch, 22. Oktober 2025

Heute war einer dieser ruhigeren Tage, an denen man trotzdem das Gefühl hat, etwas richtig bewegt zu haben.
Ich habe den Tag ganz entspannt begonnen – mit Kaffee, einem tiefen Atemzug und dem Gedanken: „Jetzt wird’s ernst – Montag ist nicht mehr weit.“

Ich habe viel am Schreibtisch gearbeitet, Kontakte gepflegt, Mails beantwortet und meine Unterlagen sortiert.
Das klingt vielleicht banal, aber für mich bedeutet es: Struktur schaffen inmitten all der Gedanken, die sich gerade überschlagen.

Zwischendurch war ich richtig kreativ – ich habe an den Flyern und Visitenkarten für den Verein AssistenzGestalten e.V. (i. Gr.) gefeilt, Designs ausprobiert, Texte formuliert und Ideen gesammelt.
Es ist so schön zu sehen, wie aus Worten, Skizzen und Träumen langsam etwas Handfestes entsteht. ✨

Und dann war da wieder dieses Kribbeln im Bauch.
Dieses Gefühl, wenn etwas, das man so lange vorbereitet hat, plötzlich real wird.
Am Montag ist unsere Veranstaltung – und auch wenn ich gut vorbereitet bin, steigt die Aufregung.
Ich hoffe natürlich, dass bekannte Gesichter da sein werden, Menschen, die mich schon ein Stück dieses Weges begleitet haben.

Aber egal, wer kommt: Ich weiß, dass ich alles gegeben habe.
Und dass das, was ich tue, Sinn macht – weil es aus dem Herzen kommt. 

Am Nachmittag habe ich noch ein paar organisatorische Dinge erledigt, meine Dokumentationspflichten aktualisiert und einen neuen Artikel geschrieben – über Assistenz, Selbstbestimmung und das, was uns antreibt, wenn das System wankt, wir aber weiter aufrecht stehen.

Jetzt sitze ich hier, müde, aber ruhig.
Irgendwie zufrieden.
Und ein bisschen stolz – weil ich weiß, wie viel Herzblut in all dem steckt.
Vielleicht ist genau das mein größter Antrieb:
Etwas zu schaffen, das bleibt.

Alles Liebe,
Ilka 

Wenn Systeme zusammenbrechen – wer fängt uns dann auf?

von Ilka Hannig

In Berlin steht das System der Eingliederungshilfe am Rande des Zusammenbruchs.
Die Bezirke schlagen Alarm, weil die Sozialverwaltung unter Senatorin Cansel Kiziltepe (SPD) die Abrechnung der Hilfen für Menschen mit Behinderung radikal umstellen will.
Ein neues System, neue Software, neue Vorgaben – alles in kurzer Zeit.

Was auf dem Papier nach Fortschritt klingt, bedeutet in der Praxis:
25.000 Menschen, deren Hilfen, Assistenzleistungen oder Wohnplätze gefährdet sind.
Denn die Sozialämter sagen selbst, dass sie die neuen Vorgaben bis Ende des Jahres nicht umsetzen können.
Die Software ist fehlerhaft, die Arbeitslast enorm, und die Mitarbeitenden sind bereits überfordert.
Wenn bis Dezember die Daten nicht eingepflegt sind, können die Träger kein Geld mehr ausgezahlt bekommen – mit fatalen Folgen: Heime, Wohngruppen und Assistenzdienste könnten keine Gehälter mehr zahlen.

💬 „Dann verlieren Menschen mit Behinderung ihren Platz und ihre Unterstützung.“
So steht es im Brandbrief der Bezirke.
Und das ist keine Übertreibung.

Ich lebe selbst mit dem Persönlichen Budget im Arbeitgebermodell.
Das bedeutet: Ich bin Arbeitgeberin meiner Assistentinnen. Ich schreibe ihre Arbeitsverträge, organisiere Dienstpläne, führe Gespräche, rechne ab.
Ich trage die Verantwortung – nicht nur für mein Leben, sondern auch für die Menschen, die mich im Alltag unterstützen.

Wenn das Abrechnungssystem stockt, kann ich keine Löhne überweisen.
Wenn Behörden ihre Fristen verschieben, bleiben Anträge liegen.
Und wenn die Kommunikation versagt, bin ich es, die das Chaos aushalten muss.

Das SGB IX (§ 29) beschreibt das Persönliche Budget als ein Instrument zur Förderung selbstbestimmter Teilhabe.
Es soll Menschen ermöglichen, ihr Leben eigenverantwortlich zu gestalten – unabhängig von Diensten oder Einrichtungen.
In der UN-Behindertenrechtskonvention (Artikel 19) steht, dass Menschen mit Behinderung das Recht haben, ihren Aufenthaltsort und ihre Lebensform frei zu wählen.
Aber was ist dieses Recht wert, wenn die Verwaltung dahinter nicht funktioniert?
Wenn Hilfen wegen Softwareproblemen, Bürokratie und Personalmangel zusammenbrechen?

Ich sehe, wie das System auf dem Papier immer schöner wird – und in der Realität immer brüchiger.
Jede neue Verordnung, jede zusätzliche Kontrolle, jedes Formular nimmt uns Zeit, Kraft und Würde.
Die Sozialämter sind längst überlastet, die Mitarbeitenden frustriert, die Träger am Limit.
Und wir Betroffenen?
Wir stehen dazwischen – mit der Angst, dass wir am Ende die Ersten sind, die fallen.

Ich frage mich oft, warum die Politik Strukturen aufrechterhält, die offensichtlich nicht mehr tragfähig sind.
Warum niemand den Mut hat, zu sagen:
„Wir müssen zuerst die Menschen absichern – und dann die Systeme anpassen.“

Ich wünsche mir, dass man uns zuhört.
Nicht als Einzelfälle oder Aktennummern, sondern als Menschen, die ihr Leben trotz vieler Hindernisse gestalten.
Wir brauchen keine neuen Hürden, sondern echte Zusammenarbeit – zwischen Verwaltung, Politik, Betroffenen und ihren Assistentinnen.

Darum habe ich AssistenzGestalten e.V. (in Gründung) ins Leben gerufen.
Ein Verein, der dafür steht, dass Selbstbestimmung nicht im Verwaltungsdschungel verloren geht.
Wir wollen zeigen, dass persönliche Assistenz und Teilhabe kein Luxus sind, sondern ein Menschenrecht.
Und dass Inklusion funktioniert – wenn man sie endlich gemeinsam denkt, plant und lebt.

Denn am Ende geht es nicht um Software oder Fristen.
Es geht um Menschen.
Und darum, ob wir ein System schaffen, das uns trägt – oder eines, das uns fallen lässt.

🌐 http://www.assistenzgestalten.de
📩 ilka@assistenzgestalten.de


https://c.org/wpXX9zPB2q

Inklusion #Teilhabe #Assistenz #SGBIX #UNBRK #Selbstbestimmung #Eingliederungshilfe #AssistenzGestalten #Berlin #Sozialpolitik #Menschenrechte #Barrierefreiheit #Würde

Zwischen Struktur, Stolz und kleinen Momenten der Freude.

Tagesnotiz – Dienstag, 21. Oktober 2025

Heute war so ein Tag, an dem einfach vieles ineinandergegriffen hat.
Ich bin morgens mit dem Gefühl aufgestanden: „Heute schaffe ich was.“
Und genau so war es auch.

Zuerst habe ich mich durch mein Postfach gearbeitet – viele Mails beantwortet, kleine Baustellen geschlossen, neue Kontakte geknüpft und alte gepflegt.
Das klingt vielleicht nüchtern, aber jedes einzelne Schreiben bedeutet für mich ein Stück mehr Struktur, ein bisschen mehr Klarheit in diesem großen Puzzle rund um meinen Verein AssistenzGestalten e.V. (i. Gr.).

Dann hatte ich ein längeres Gespräch mit meinem Business-Team.
Wir haben die Präsentation für kommenden Montag fertiggestellt – und ich muss sagen, sie ist wirklich schön geworden. 
Ich spüre, dass das, was wir da gemeinsam aufbauen, immer mehr Gestalt annimmt.
Manchmal muss ich mich selbst daran erinnern, dass all das aus einer Idee gewachsen ist, aus einem Traum, der an manchen Tagen weit weg schien – und heute greifbar wird.

Am Nachmittag kam dann ein richtiger kleiner Gänsehautmoment:
Die neuen Vereins-T-Shirts sind angekommen!
Als ich das Paket öffnete und das Logo sah, musste ich einfach lächeln.
Es war plötzlich so real – ein sichtbares Zeichen dafür, dass unsere Arbeit, unsere Vision und unser Zusammenhalt nicht mehr nur digital oder auf Papier existieren, sondern auch zum Anziehen da sind.

Gemeinsam mit meinem Team habe ich dann überlegt, ob wir vielleicht sogar einen kleinen Shop aufbauen könnten – mit Shirts, Taschen oder Beuteln. Nicht als Geschäftsmodell, sondern als Symbol: ein Stück Identität, das man tragen kann.
Aber das braucht noch ein bisschen Zeit. Step by step. 

Am späten Nachmittag war ich noch länger spazieren.
Die frische Luft tat gut – und plötzlich musste ich an meinen Opa denken.
Ich glaube, er wäre ziemlich stolz auf mich.
Gerade weil vieles nicht einfach geht, weil es nicht automatisch läuft.
Weil alles handgemacht ist, aus echter Überzeugung und mit Herz.
Und vielleicht ist genau das der Grund, warum es so wertvoll ist.

Ich weiß, es ist noch nicht alles perfekt – aber genau das macht es besonders. 

Jetzt sitze ich hier – müde, aber zufrieden.
Und denke mir: Es sind diese Tage, an denen man merkt, dass man auf dem richtigen Weg ist.

Alles Liebe,
Ilka 

Ein Tag voller kleiner Schritte mit großer Bedeutung.

Tagesnotiz – Montag, 20. Oktober 2025

Heute Morgen kam ich etwas schwer in den Tag.
Die Nacht war unruhig, und mein Kopf war voller Gedanken – also gab es heute einfach eine Tasse Kaffee mehr als sonst. ☕
Manchmal braucht es eben etwas länger, um wieder in die eigene Balance zu finden.

Nach einem ruhigen Start bin ich zur Post gegangen, habe ein paar Einkäufe erledigt und mir bewusst Zeit genommen, die Dinge in meinem Tempo zu tun. Mittags legte ich mich dann kurz hin – ein kleiner Mittagsschlaf, der unglaublich gut tat.

Der Nachmittag stand dann ganz im Zeichen der Vereinsarbeit und Netzwerke. Ich habe viele Mails beantwortet, Kontakte gepflegt und neue geknüpft.
Und dann kam der Moment, auf den ich innerlich schon hingearbeitet hatte: Ich habe intensiv an meiner Petition für einen politischen Runden Tisch zum Persönlichen Budget im Arbeitgebermodell gearbeitet – und sie heute Abend tatsächlich fertiggestellt und offiziell rausgeschickt. 

Dieses Thema liegt mir sehr am Herzen.
Es geht um gleiche Löhne, um eine gesicherte Versorgung und um die Anerkennung der persönlichen Assistenz als echten Beruf.
Ich hoffe sehr, dass sich viele anschließen, mitdiskutieren und mithelfen, das Thema sichtbar zu machen – denn nur gemeinsam können wir etwas bewegen.

Eigentlich wollte ich heute zu einer Veranstaltung zum Thema Tarifverträge, aber kurzfristig stellte sich heraus, dass es keine offene Veranstaltung war.
Also habe ich die Zeit anders genutzt – zusammen mit Stephan, meinem stellvertretenden Vorsitzenden bei AssistenzGestalten e.V. (in Gründung).
Wir haben wichtige Dinge besprochen, gelacht, geplant und einfach gemerkt, dass wir ein gutes Team sind.

Jetzt liege ich in meinem Bett, schreibe meine Gedanken auf und bin ehrlich gesagt ziemlich stolz – auf den Tag, auf den Mut, einfach weiterzumachen, und auf das, was langsam Form annimmt. 

Alles Liebe,
Ilka 

Von Netzwerken, Emotionen und dem Mut, echt zu bleiben.

 Tagesnotiz – Sonntag, 19. Oktober 2025

Heute war ein ruhiger, aber trotzdem produktiver Tag.
Ich habe viel kommuniziert, E-Mails beantwortet und mich über die Rückmeldung von Herrn Drechsel (ver.di) gefreut. Er wird meine Einladung zur Veranstaltung von AssistenzGestalten e. V. (in Gründung) am 27.10.2025 in seine Mitgliederversammlung einbringen.
Das bedeutet mir sehr viel – denn die gewerkschaftliche Perspektive ist wichtig, wenn wir über faire Löhne und gute Bedingungen im Arbeitgebermodell sprechen.

Ein weiterer Schwerpunkt war heute meine Netzwerkarbeit.
Ich habe Kontakte gepflegt, neue aufgebaut und meinen Blog überarbeitet – mit Gedanken zur anstehenden Veranstaltung und den aktuellen Diskussionen rund um das Persönliche Budget.

Und ja, zwischendurch habe ich einfach mal innegehalten.
Ich war länger spazieren – mit mir, meinen Gedanken und ein paar Tränen.
Weil auch das dazugehört. Manchmal muss einfach etwas raus, um wieder Platz zu schaffen für Neues.
Es macht mich menschlich – und erinnert mich daran, warum ich tue, was ich tue.

Ich habe auch einen Artikel geschrieben, in dem ich über Schubladendenken gesprochen habe – darüber, wie schnell Menschen in Kategorien gesteckt werden, und wie viel wir dadurch verlieren.
Denn Vielfalt lebt nicht von Einordnung, sondern von Begegnung.

Am Abend saß ich noch mit einem Glas Wein da, habe die vielen warmen Reaktionen aus meinen Netzwerken gelesen und war einfach dankbar.
Dankbar für ehrliche Worte, Offenheit und diesen echten Austausch – der mich oft tief berührt. 

Alles Liebe,
Ilka

#AssistenzGestalten #PersönlichesBudget #Inklusion #SelbstbestimmtLeben #Teilhabe #Arbeitgebermodell #Sozialpolitik #Empathie #Unkürzbar #Barrierefreiheit #Vielfalt #Menschlichkeit

💜 Ich will leben – nicht in Schubladen gesteckt werden.

von Ilka Hannig

Ich mag kein Schubladendenken.
Ich bin kein Fall. Keine Akte. Keine Nummer.
Ich bin ein Mensch – mit Ideen, Träumen, Zielen und einer körperlichen Einschränkung.
Aber diese Einschränkung ist nur ein Teil von mir, nicht mein ganzes Leben.

Oft werde ich gefragt, warum ich mich so engagiere, warum ich so offen über mein Leben spreche.
Ganz einfach: Weil ich es muss.
Weil zu viele Menschen über mich hinweg entscheiden.
Weil ich tagtäglich erlebe, dass man uns Menschen mit Behinderung in Schubladen steckt – aus Unwissen, Bequemlichkeit oder Angst vor Veränderung.

Ich wollte immer arbeiten. Ich wollte gestalten, nicht nur funktionieren.
Ich hatte eine klare Vision: Eine Beratungsstelle für Menschen mit Behinderung, damit niemand mehr alleine durch diesen Bürokratiedschungel muss.
Ich wollte Mut machen, Selbstbestimmung leben, anderen den Weg erleichtern.

Doch das System ließ es nicht zu.
Die Deutsche Rentenversicherung erklärte mich zur „voll erwerbsgeminderten Person“.
Ich durfte nicht arbeiten, auch wenn ich es wollte und konnte.
Acht Jahre kämpfte ich vor dem Sozialgericht, um wenigstens in den Teilerwerb gehen zu dürfen.
Acht Jahre voller Akten, Widersprüche und Sitzungen – und am Ende blieb der Satz:
„Nein, Sie dürfen nicht arbeiten.“

Heute lebe ich ohne Rente, am Existenzminimum.
Ich darf ehrenamtlich arbeiten, aber nicht selbstständig. Ich darf beraten, aber nichts verdienen.
Ich lebe in einem Paradoxon: Ich will beitragen, aber das System hält mich klein.

Und doch gebe ich nicht auf.
Ich lebe mit dem Persönlichen Budget im Arbeitgebermodell – das mir wenigstens ein Stück Selbstbestimmung schenkt.
Ich bin Arbeitgeberin meiner Assistent*innen. Ich plane Dienstpläne, schreibe Verträge, organisiere meinen Alltag – mit Verantwortung, Aufwand, aber auch Stolz.

Das ist Selbstbestimmung, wie sie das Sozialgesetzbuch IX (§ 1 und § 29) eigentlich vorsieht:
volle, wirksame Teilhabe am Leben in der Gesellschaft.
Und es ist das, was die UN-Behindertenrechtskonvention (Artikel 19 & 27) garantiert:
das Recht auf selbstbestimmtes Leben und Arbeit.

Doch die Realität sieht anders aus.
Bürokratie, fehlende Refinanzierung, starre Vorgaben und politische Kurzsichtigkeit gefährden dieses Modell täglich.
Wer im Arbeitgeberinnenmodell lebt, weiß: Freiheit und Verantwortung sind untrennbar. Aber während man Assistentinnen in Einrichtungen nach Entgeltgruppe 5 bezahlt, sollen sie bei uns künftig auf EG 3 herabgestuft werden.
Das bedeutet: bis zu 700 Euro weniger pro Monat.
Das ist nicht nur ungerecht – das ist existenzgefährdend.

Wenn diese Kürzungen kommen, verlieren viele Menschen ihre Assistenz.
Dann verlieren sie ihre Selbstbestimmung. Dann verlieren sie ihr Zuhause.
Dann verlieren sie ihr Leben, so wie sie es kennen.

Ich habe Angst vor dieser Entwicklung.
Denn wer die Einarbeitung und Beratung kürzt, spart nicht Geld – er riskiert Leben.
Es geht nicht um Luxus. Es geht um Würde.
Um ein Grundrecht, das uns zusteht.

Trotz allem glaube ich an Veränderung.
Ich glaube an Dialog, an Zuhören, an Miteinander.
Deshalb habe ich die Idee eines Runden Tisches entwickelt –
ein Ort, an dem Politik, Verwaltung, Arbeitgeberinnen, Assistentinnen und Betroffene gemeinsam reden.
Nicht übereinander, sondern miteinander.

Denn das Persönliche Budget ist mehr als ein Kostenträger-Thema.
Es ist ein Spiegelbild unserer Gesellschaft.
Es zeigt, wie ernst wir es meinen mit Inklusion, Teilhabe und Menschenrechten.

Aus all dem heraus habe ich AssistenzGestalten e.V. (in Gründung) ins Leben gerufen.
Ein Verein, der Brücken bauen will – zwischen Betroffenen, Assistent*innen, Angehörigen und Politik.
Eine Plattform, auf der man voneinander lernt, Lösungen entwickelt und sichtbar wird.
Weil Inklusion nicht nur ein politischer Begriff ist, sondern gelebtes Miteinander.

Ich weiß, dass ich nicht jeden überzeugen kann.
Aber ich weiß auch, dass Schweigen keine Option ist.
Ich will leben – selbstbestimmt, frei, mit Würde.
Und ich werde weiter laut sein, bis das kein Kampf mehr ist,
sondern endlich selbstverständlich.

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Inklusion #Selbstbestimmung #Teilhabe #SGBIX #UNBRK #Assistenz #Barrierefreiheit #Sozialrecht #PersönlichesBudget #Arbeitgebermodell #AssistenzGestalten #Gleichberechtigung #MenschSein

Zwischen Einarbeitung, Apfelstrudel und einer großen Idee.

Tagesnotiz – Samstag, 18. Oktober 2025

Mein Tag begann heute recht früh – mit der Einarbeitung eines neuen Minijobbers.
Ich merke jedes Mal, wie wichtig solche Momente sind: Jemand Neuem zu zeigen, was Assistenz wirklich bedeutet – im Alltag, in der Nähe, im Vertrauen. Das braucht Zeit, Geduld und manchmal auch Fingerspitzengefühl.

Danach habe ich mich an den Schreibtisch gesetzt und einen neuen Artikel verfasst.
Ich schrieb über meine Gedanken zu einer möglichen Petition für einen politischen Runden Tisch zum Persönlichen Budget im Arbeitgebermodell.
Ich wünsche mir einen Ort, an dem endlich alle Beteiligten miteinander sprechen – Politik, Verwaltung, Assistenzdienste, Arbeitgeberinnen und Assistentinnen.
Es ist Zeit, dass wir gemeinsam Lösungen finden, die Bestand haben – jenseits von Schlagworten und Bürokratie.

Zwischendurch hatte ich dann ein merkwürdiges Telefonat mit einem Kundenservice – eigentlich wollte ich nur eine kleine Frage klären, aber die Person am anderen Ende war so unfreundlich, dass ich kurz sprachlos war.
Manchmal frage ich mich, wo die Freundlichkeit geblieben ist – dabei kostet sie doch nichts.

Am Nachmittag wurde es dann gemütlicher: Meine Assistentin und ich haben zusammen Apfelstrudel gebacken.
Der Duft erfüllte die ganze Wohnung – ein Stück Kindheit, ein kleines Glück. ✨

Später war ich noch länger spazieren, um meinen Kopf freizukriegen, und irgendwann landete ich vor dem Fernseher – einfach mal nichts tun, abschalten, durchatmen.

Ein Tag zwischen Organisation, Reflexion und ein bisschen Zimtduft.
Und irgendwo dazwischen spüre ich:
Es sind genau diese Tage, die mich durchhalten lassen – die Mischung aus Herz, Kopf und Leben. 

Alles Liebe,
Ilka 

Warum Teilhabe am Leben nicht funktioniert – und wer wirklich davon profitiert.


von Ilka Hannig

In den letzten Wochen habe ich wieder viele Diskussionen über Inklusion, Teilhabe und das Persönliche Budget verfolgt, und ehrlich gesagt: Es macht mich traurig. Je mehr ich darüber lese und spreche, desto deutlicher wird mir, dass wir zwar ständig über Teilhabe reden, sie aber in der Realität kaum wirklich leben. Ich selbst lebe mit persönlicher Assistenz im Arbeitgeber*innen-Modell, das heißt, ich organisiere mein Team, schreibe Verträge, plane Einarbeitungen, führe Gespräche, rechne Löhne ab und trage die gesamte Verantwortung. Es ist ein Modell, das mir theoretisch Selbstbestimmung ermöglichen soll – praktisch aber stoße ich immer wieder auf Grenzen, die nicht durch meine Behinderung entstehen, sondern durch ein System, das diese Selbstbestimmung zwar vorsieht, sie aber gleichzeitig durch Kontrolle und Misstrauen behindert.

In Deutschland haben wir für alles Strukturen geschaffen – auch für Teilhabe. Werkstätten, Heime, ambulante Dienste – alle mit Hierarchien, Gebäuden, Verwaltung und Bürokratie. Das klingt auf dem Papier nach Inklusion, aber in Wahrheit ist es oft ein System, das sich selbst erhält. Ein System, das mehr Menschen beschäftigt, die es verwalten, als diejenigen, für die es eigentlich da sein sollte. Ich werfe niemandem etwas vor, viele arbeiten mit Herzblut. Doch das Grundproblem bleibt: Wir finanzieren Strukturen, nicht Menschen. Wir fördern Verwaltung, aber keine Freiheit.

Das Persönliche Budget, geregelt in § 29 SGB IX, wurde geschaffen, um genau das zu ändern. Es soll Menschen mit Behinderung ermöglichen, Leistungen zur Teilhabe in eigener Verantwortung zu organisieren. In der Praxis aber ist diese Freiheit oft nur eine Illusion. Wer das Persönliche Budget nutzt, wird mit einer Flut an Vorgaben, Anträgen und Zuständigkeiten konfrontiert. Jede Entscheidung, die eigentlich im eigenen Ermessen liegen sollte, muss mit Behörden abgestimmt werden. Dabei ist die Selbstbestimmung ausdrücklich gesetzlich vorgesehen – und wird gleichzeitig durch Kontrollmechanismen eingeschränkt. Jede Kommune legt die Vorgaben anders aus, jeder Kostenträger entscheidet nach eigenem Ermessen. So entstehen 16 verschiedene Bundesländer, 400 Bezirke und tausende verschiedene Auslegungen desselben Gesetzes.

Die UN-Behindertenrechtskonvention, die seit 2009 in Deutschland gilt, sagt in Artikel 19 ganz klar, dass Menschen mit Behinderungen das gleiche Recht haben wie alle anderen, ihren Wohnort zu wählen und zu entscheiden, wie und mit wem sie leben möchten. Doch dieses Recht bleibt für viele ein Versprechen auf dem Papier. Denn solange Behörden nach Haushaltslage statt nach Bedarf entscheiden, bleibt Selbstbestimmung ein Kampf – und Inklusion ein Wort, das gut klingt, aber selten gelebt wird.

Das Schlimmste daran ist das Paradox, das sich daraus ergibt: Wenn jemand mit Unterstützung im Alltag scheitert, weil die Mittel fehlen oder die Assistenz nicht stabil läuft, wird er nicht gestärkt, sondern zurückgeführt – in betreute Wohnformen, Pflegedienste oder Einrichtungen. Dort entstehen plötzlich doppelt oder dreifach so hohe Kosten, aber das spielt keine Rolle, weil diese Ausgaben systemisch eingeplant sind. Wer unabhängig wird, fällt aus der Förderung. Wer abhängig bleibt, wird finanziert. Das ist kein Zufall, sondern ein strukturelles Problem – und es widerspricht dem Grundgesetz, Artikel 3 Absatz 3, das eindeutig sagt: Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.

Mir macht das Angst, weil ich diese Realität kenne. Ich weiß, wie viel Mut und Organisation es braucht, sein Leben mit persönlicher Assistenz zu führen. Ich weiß aber auch, wie viel Misstrauen einem begegnet, wenn man Verantwortung übernehmen will. Wir reden von Inklusion, aber leben Ausgrenzung – nur besser verpackt. Wir reden von Teilhabe, aber schaffen immer neue Hürden. Wir reden von Selbstbestimmung, aber trauen Menschen mit Behinderung oft nicht zu, sie auch zu leben.

Was uns fehlt, ist kein weiteres Gesetz, keine neue Verordnung und kein zusätzlicher Bericht. Was uns fehlt, ist Haltung – das ehrliche Vertrauen, dass Menschen mit Behinderung wissen, was sie brauchen, und dass Selbstbestimmung kein Luxus ist, sondern ein Grundrecht. Wir brauchen bundesweit verbindliche Strukturen, die das Persönliche Budget wirklich stärken und nicht durch regionale Willkür untergraben. Wir brauchen offene Dialoge – zwischen Verwaltung, Politik, Kostenträgern, Assistent*innen und Betroffenen. Nicht übereinander, sondern miteinander.

Ich wünsche mir, dass Politik und Gesellschaft endlich den Mut haben, loszulassen. Kontrolle abzugeben, um Vertrauen zu schaffen. Denn Selbstbestimmung funktioniert nicht, wenn sie nur solange erlaubt ist, wie sie ins System passt. Sie funktioniert nur, wenn man Menschen wirklich zutraut, ihr Leben selbst zu gestalten. Darum engagiere ich mich mit meinem Verein AssistenzGestalten e.V. (in Gründung). Weil ich glaube, dass Teilhabe keine Akte ist, die man abheften kann, sondern eine Haltung, die man leben muss – Tag für Tag.

http://www.assistenzgestalten.de
 ilka@assistenzgestalten.de