von Ilka Hannig
Ich mag kein Schubladendenken.
Ich bin kein Fall. Keine Akte. Keine Nummer.
Ich bin ein Mensch â mit Ideen, TrĂ€umen, Zielen und einer körperlichen EinschrĂ€nkung.
Aber diese EinschrÀnkung ist nur ein Teil von mir, nicht mein ganzes Leben.
Oft werde ich gefragt, warum ich mich so engagiere, warum ich so offen ĂŒber mein Leben spreche.
Ganz einfach: Weil ich es muss.
Weil zu viele Menschen ĂŒber mich hinweg entscheiden.
Weil ich tagtĂ€glich erlebe, dass man uns Menschen mit Behinderung in Schubladen steckt â aus Unwissen, Bequemlichkeit oder Angst vor VerĂ€nderung.
Ich wollte immer arbeiten. Ich wollte gestalten, nicht nur funktionieren.
Ich hatte eine klare Vision: Eine Beratungsstelle fĂŒr Menschen mit Behinderung, damit niemand mehr alleine durch diesen BĂŒrokratiedschungel muss.
Ich wollte Mut machen, Selbstbestimmung leben, anderen den Weg erleichtern.
Doch das System lieĂ es nicht zu.
Die Deutsche Rentenversicherung erklĂ€rte mich zur âvoll erwerbsgeminderten Personâ.
Ich durfte nicht arbeiten, auch wenn ich es wollte und konnte.
Acht Jahre kĂ€mpfte ich vor dem Sozialgericht, um wenigstens in den Teilerwerb gehen zu dĂŒrfen.
Acht Jahre voller Akten, WidersprĂŒche und Sitzungen â und am Ende blieb der Satz:
âNein, Sie dĂŒrfen nicht arbeiten.â
Heute lebe ich ohne Rente, am Existenzminimum.
Ich darf ehrenamtlich arbeiten, aber nicht selbststÀndig. Ich darf beraten, aber nichts verdienen.
Ich lebe in einem Paradoxon: Ich will beitragen, aber das System hÀlt mich klein.
Und doch gebe ich nicht auf.
Ich lebe mit dem Persönlichen Budget im Arbeitgebermodell â das mir wenigstens ein StĂŒck Selbstbestimmung schenkt.
Ich bin Arbeitgeberin meiner Assistent*innen. Ich plane DienstplĂ€ne, schreibe VertrĂ€ge, organisiere meinen Alltag â mit Verantwortung, Aufwand, aber auch Stolz.
Das ist Selbstbestimmung, wie sie das Sozialgesetzbuch IX (§ 1 und § 29) eigentlich vorsieht:
volle, wirksame Teilhabe am Leben in der Gesellschaft.
Und es ist das, was die UN-Behindertenrechtskonvention (Artikel 19 & 27) garantiert:
das Recht auf selbstbestimmtes Leben und Arbeit.
Doch die RealitÀt sieht anders aus.
BĂŒrokratie, fehlende Refinanzierung, starre Vorgaben und politische Kurzsichtigkeit gefĂ€hrden dieses Modell tĂ€glich.
Wer im Arbeitgeberinnenmodell lebt, weiĂ: Freiheit und Verantwortung sind untrennbar. Aber wĂ€hrend man Assistentinnen in Einrichtungen nach Entgeltgruppe 5 bezahlt, sollen sie bei uns kĂŒnftig auf EG 3 herabgestuft werden.
Das bedeutet: bis zu 700 Euro weniger pro Monat.
Das ist nicht nur ungerecht â das ist existenzgefĂ€hrdend.
Wenn diese KĂŒrzungen kommen, verlieren viele Menschen ihre Assistenz.
Dann verlieren sie ihre Selbstbestimmung. Dann verlieren sie ihr Zuhause.
Dann verlieren sie ihr Leben, so wie sie es kennen.
Ich habe Angst vor dieser Entwicklung.
Denn wer die Einarbeitung und Beratung kĂŒrzt, spart nicht Geld â er riskiert Leben.
Es geht nicht um Luxus. Es geht um WĂŒrde.
Um ein Grundrecht, das uns zusteht.
Trotz allem glaube ich an VerÀnderung.
Ich glaube an Dialog, an Zuhören, an Miteinander.
Deshalb habe ich die Idee eines Runden Tisches entwickelt â
ein Ort, an dem Politik, Verwaltung, Arbeitgeberinnen, Assistentinnen und Betroffene gemeinsam reden.
Nicht ĂŒbereinander, sondern miteinander.
Denn das Persönliche Budget ist mehr als ein KostentrÀger-Thema.
Es ist ein Spiegelbild unserer Gesellschaft.
Es zeigt, wie ernst wir es meinen mit Inklusion, Teilhabe und Menschenrechten.
Aus all dem heraus habe ich AssistenzGestalten e.V. (in GrĂŒndung) ins Leben gerufen.
Ein Verein, der BrĂŒcken bauen will â zwischen Betroffenen, Assistent*innen, Angehörigen und Politik.
Eine Plattform, auf der man voneinander lernt, Lösungen entwickelt und sichtbar wird.
Weil Inklusion nicht nur ein politischer Begriff ist, sondern gelebtes Miteinander.
Ich weiĂ, dass ich nicht jeden ĂŒberzeugen kann.
Aber ich weiĂ auch, dass Schweigen keine Option ist.
Ich will leben â selbstbestimmt, frei, mit WĂŒrde.
Und ich werde weiter laut sein, bis das kein Kampf mehr ist,
sondern endlich selbstverstÀndlich.
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