Heute. Über Missverständnisse, Macht und Menschlichkeit in der persönlichen Assistenz


von Ilka Hannig

Heute habe ich wieder gesehen, wie wenig viele verstehen, was persönliche Assistenz wirklich bedeutet – und wie schnell dabei Respekt verloren geht.
Ich habe in einem Chat eine hitzige Diskussion über eine Stellenausschreibung für persönliche Assistenz verfolgt. Was dort geschrieben wurde, war teilweise verletzend: Da war von „Sklaverei“, „Machtmissbrauch“ und „Abhängigkeit“ die Rede. Menschen, die im selben System leben oder arbeiten, redeten übereinander – nicht miteinander.

Ich lebe selbst mit persönlicher Assistenz im Arbeitgebermodell. Das bedeutet: Ich bin Arbeitgeberin meiner Assistentinnen. Ich schreibe Dienstpläne, führe Gespräche, organisiere meinen Alltag – und das alles, um selbstbestimmt leben zu können. Persönliche Assistenz ist kein Pflegedienst, keine Betreuung und keine pädagogische Maßnahme. Sie ist eine Form der Unterstützung, die Teilhabe und Eigenständigkeit ermöglicht.

Was viele nicht wissen: Die Löhne meiner Assistentinnen lege nicht ich fest, sondern die zuständige Behörde. Grundlage sind § 29 SGB IX (Leistungen zur Teilhabe am Leben in der Gesellschaft) und die UN-Behindertenrechtskonvention, Artikel 19, die das Recht auf Selbstbestimmung garantiert. Der bewilligte Stundensatz wird individuell berechnet – er richtet sich nach Bundesland, Behörde und persönlichem Hilfebedarf. Ich muss mich an diese Vorgaben halten. Selbst wenn ich mehr zahlen möchte, darf ich es nicht.

In der Praxis bedeutet das: Ich trage Verantwortung wie jede andere Arbeitgeberin – aber mit weit weniger Handlungsspielraum. Ich bin abhängig von Entscheidungen, die außerhalb meiner Kontrolle getroffen werden. Meine Assistentinnen wiederum übernehmen eine sehr persönliche, körpernahe und anspruchsvolle Aufgabe. Sie müssen lernen, sich im Arbeitsalltag ein Stück zurückzunehmen, weil sie meine Handlungen unterstützen – nicht ersetzen. Das ist kein Machtgefälle, sondern eine professionelle Balance zwischen Nähe, Respekt und Selbstbestimmung.

Aber was ich in dieser Diskussion gesehen habe, war das Gegenteil: Aggression, Unwissen, Missverständnisse. Es zeigt, wie dringend wir mehr Aufklärung brauchen – für beide Seiten. Viele wissen nicht, was persönliche Assistenz überhaupt ist, welche Rechte und Pflichten dazugehören oder welche Verantwortung sie mit sich bringt.

Wir brauchen endlich ein klares Berufsbild, einheitliche Regeln, faire Löhne und verbindliche Strukturen. Solange das fehlt, bleibt persönliche Assistenz ein Missverständnis zwischen System und Mensch.

Darum engagiere ich mich. Darum habe ich meinen Verein AssistenzGestalten e.V. (in Gründung) gegründet – um Wissen zu vermitteln, Strukturen zu schaffen und Brücken zu bauen.

Denn persönliche Assistenz ist keine Frage von Macht.
Sie ist eine Frage von Menschlichkeit. 

http://www.assistenzgestalten.de
 ilka@assistenzgestalten.de

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6 Gedanken zu „Heute. Über Missverständnisse, Macht und Menschlichkeit in der persönlichen Assistenz“

  1. Ich, als Person die selbst mit Assistenz lebt, die ich im Rahmen des Arbeitgeber*innen-Modells organisiere, bin gegen das Berufsbild. Meine Leute müssen individuell eingearbeitet werden, das kann keine Ausbildung leisten.

    Natürlich sollte es Schulungsmöglichkeiten/Kurse geben, die bei Bedarf finanziert werden. Sowohl für Assistent*innen, als auch für Arbeitgeber*innen.Sowie genügend Finanzierung für Einarbeitung.

    Ein Berufsbild würde meiner Meinung nach sehr viel flexibiltät nehmen, wie ich Leute auswählen könnte, worauf es mir individuell ankommt.

    Ich kommentiere hier um zu zeigen das es auch andere Perspektiven dazu gibt.

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    1. Ich stimme dir zum Teil zu. Jedoch finde ich die leute sollten eine art Grundwissen bekommen.. eine längere Fortbildungen oder so damit sie teilweise auch wissen was Assistenz ist. Manche wissen das noch nicht.
      Und ich finde so ein Grundwissen wäre einfach wichtig damit das einfach ein respektvoller Umgang bleibt. Das sind so meine Erfahrungen.
      Muss ja keine extra Ausbildung sein.
      Das Berufsbild wäre aber vielleicht eine Garantie für geregelte Ablauf und anerkennung.
      Liebe Grüße, Ilka

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      1. klar, dass kommt natürlich sehr auf die Person drauf an. dennoch möchte ich als arbeitgebende person mir nicht vorschreiben lassen, wen ich anstellen darf und welche kurse oder fortbildungen pflicht sind.

        ich bin aber voll dafür das arbeitgeber*innen, die bestimmte fortbildungen voraussetzen, auch die möglichkeit haben, diese finanziert zu bekommen.

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