💜 Ich will leben – nicht in Schubladen gesteckt werden.

von Ilka Hannig

Ich mag kein Schubladendenken.
Ich bin kein Fall. Keine Akte. Keine Nummer.
Ich bin ein Mensch – mit Ideen, Träumen, Zielen und einer körperlichen Einschränkung.
Aber diese Einschränkung ist nur ein Teil von mir, nicht mein ganzes Leben.

Oft werde ich gefragt, warum ich mich so engagiere, warum ich so offen über mein Leben spreche.
Ganz einfach: Weil ich es muss.
Weil zu viele Menschen über mich hinweg entscheiden.
Weil ich tagtäglich erlebe, dass man uns Menschen mit Behinderung in Schubladen steckt – aus Unwissen, Bequemlichkeit oder Angst vor Veränderung.

Ich wollte immer arbeiten. Ich wollte gestalten, nicht nur funktionieren.
Ich hatte eine klare Vision: Eine Beratungsstelle für Menschen mit Behinderung, damit niemand mehr alleine durch diesen Bürokratiedschungel muss.
Ich wollte Mut machen, Selbstbestimmung leben, anderen den Weg erleichtern.

Doch das System ließ es nicht zu.
Die Deutsche Rentenversicherung erklärte mich zur „voll erwerbsgeminderten Person“.
Ich durfte nicht arbeiten, auch wenn ich es wollte und konnte.
Acht Jahre kämpfte ich vor dem Sozialgericht, um wenigstens in den Teilerwerb gehen zu dürfen.
Acht Jahre voller Akten, Widersprüche und Sitzungen – und am Ende blieb der Satz:
„Nein, Sie dürfen nicht arbeiten.“

Heute lebe ich ohne Rente, am Existenzminimum.
Ich darf ehrenamtlich arbeiten, aber nicht selbstständig. Ich darf beraten, aber nichts verdienen.
Ich lebe in einem Paradoxon: Ich will beitragen, aber das System hält mich klein.

Und doch gebe ich nicht auf.
Ich lebe mit dem Persönlichen Budget im Arbeitgebermodell – das mir wenigstens ein Stück Selbstbestimmung schenkt.
Ich bin Arbeitgeberin meiner Assistent*innen. Ich plane Dienstpläne, schreibe Verträge, organisiere meinen Alltag – mit Verantwortung, Aufwand, aber auch Stolz.

Das ist Selbstbestimmung, wie sie das Sozialgesetzbuch IX (§ 1 und § 29) eigentlich vorsieht:
volle, wirksame Teilhabe am Leben in der Gesellschaft.
Und es ist das, was die UN-Behindertenrechtskonvention (Artikel 19 & 27) garantiert:
das Recht auf selbstbestimmtes Leben und Arbeit.

Doch die Realität sieht anders aus.
Bürokratie, fehlende Refinanzierung, starre Vorgaben und politische Kurzsichtigkeit gefährden dieses Modell täglich.
Wer im Arbeitgeberinnenmodell lebt, weiß: Freiheit und Verantwortung sind untrennbar. Aber während man Assistentinnen in Einrichtungen nach Entgeltgruppe 5 bezahlt, sollen sie bei uns künftig auf EG 3 herabgestuft werden.
Das bedeutet: bis zu 700 Euro weniger pro Monat.
Das ist nicht nur ungerecht – das ist existenzgefährdend.

Wenn diese Kürzungen kommen, verlieren viele Menschen ihre Assistenz.
Dann verlieren sie ihre Selbstbestimmung. Dann verlieren sie ihr Zuhause.
Dann verlieren sie ihr Leben, so wie sie es kennen.

Ich habe Angst vor dieser Entwicklung.
Denn wer die Einarbeitung und Beratung kürzt, spart nicht Geld – er riskiert Leben.
Es geht nicht um Luxus. Es geht um Würde.
Um ein Grundrecht, das uns zusteht.

Trotz allem glaube ich an Veränderung.
Ich glaube an Dialog, an Zuhören, an Miteinander.
Deshalb habe ich die Idee eines Runden Tisches entwickelt –
ein Ort, an dem Politik, Verwaltung, Arbeitgeberinnen, Assistentinnen und Betroffene gemeinsam reden.
Nicht übereinander, sondern miteinander.

Denn das Persönliche Budget ist mehr als ein Kostenträger-Thema.
Es ist ein Spiegelbild unserer Gesellschaft.
Es zeigt, wie ernst wir es meinen mit Inklusion, Teilhabe und Menschenrechten.

Aus all dem heraus habe ich AssistenzGestalten e.V. (in Gründung) ins Leben gerufen.
Ein Verein, der Brücken bauen will – zwischen Betroffenen, Assistent*innen, Angehörigen und Politik.
Eine Plattform, auf der man voneinander lernt, Lösungen entwickelt und sichtbar wird.
Weil Inklusion nicht nur ein politischer Begriff ist, sondern gelebtes Miteinander.

Ich weiß, dass ich nicht jeden überzeugen kann.
Aber ich weiß auch, dass Schweigen keine Option ist.
Ich will leben – selbstbestimmt, frei, mit Würde.
Und ich werde weiter laut sein, bis das kein Kampf mehr ist,
sondern endlich selbstverständlich.

🌐 http://www.assistenzgestalten.de
📩 ilka@assistenzgestalten.de

Inklusion #Selbstbestimmung #Teilhabe #SGBIX #UNBRK #Assistenz #Barrierefreiheit #Sozialrecht #PersönlichesBudget #Arbeitgebermodell #AssistenzGestalten #Gleichberechtigung #MenschSein

Hinterlasse einen Kommentar