Ein persönlicher Bericht von Ilka Hannig
Wer im Arbeitgebermodell lebt oder arbeitet, kennt das wahrscheinlich: Man wird ins kalte Wasser geworfen.
Aus Sicht der Assistenznehmerin – also meiner eigenen – bedeutet das:
Man bekommt das persönliche Budget bewilligt und ist plötzlich Arbeitgeber:in. Mit allem, was dazugehört: Arbeitsverträge schreiben, Dienstpläne organisieren, Konflikte lösen, Verantwortung tragen, rechtliche Vorgaben einhalten. Aber eine Schulung? Eine begleitende Einführung? Jemand, der einen unterstützt? Gibt es nicht.
Man entscheidet sich natürlich sehr bewusst für das persönliche Budget, weil es Selbstbestimmung ermöglicht. Doch zu Beginn weiß man oft nicht, was wirklich auf einen zukommt. Zeiten ändern sich, Gesetze auch – und vieles davon trifft einen plötzlich direkt im Alltag. Dann bleibt oft nur eines: reinwachsen. Lernen durch Tun. Fehler machen, weitermachen, besser werden. Und genau deshalb ist es so wichtig, dass es Strukturen gibt, die dabei unterstützen.
Ich wurde nicht gefragt, ob ich weiß, wie man Personal führt. Ob ich weiß, wie man schwierige Gespräche führt, Grenzen setzt, Feedback gibt. Es wird einfach vorausgesetzt, dass man das kann. Doch ich bin nicht nur Arbeitgeberin – ich bin auch Mensch. Und als Mensch habe ich Fragen, Unsicherheiten, erlebe Konflikte.
Als es bei mir im Team zu einer schwierigen Situation kam, habe ich bei meiner zuständigen Behörde nachgefragt, ob ich eine Supervision zur Klärung bekommen könnte. Die Antwort: Nein, das sei im persönlichen Budget nicht vorgesehen.
Was aber auch nicht vorgesehen ist: dass ich ein Personalbüro, einen Betriebsrat oder eine HR-Abteilung an meiner Seite hätte. Ich soll einfach alles können – ohne Vorbereitung, ohne Ansprechpartner. Das ist nicht nur unrealistisch, sondern schlicht unfair.
Auch Assistenzkräfte starten oft ohne professionelle Einarbeitung oder klare Erwartungen. Und dann sollen zwei Menschen, mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen, ein funktionierendes Arbeitsverhältnis aufbauen. Ein Drahtseilakt.
Was sagen eigentlich die Gesetze dazu?
§ 29 SGB IX beschreibt das persönliche Budget als Leistung zur selbstbestimmten Teilhabe.
Die Realität: Selbstbestimmung wird erwartet – aber ohne finanzierte Begleitung.
Die UN-Behindertenrechtskonvention, insbesondere Artikel 19, 26 und 27, fordert Zugang zu Unterstützung, Rechten auf Arbeit, Teilhabe und ein selbstbestimmtes Leben.
Doch Supervision oder Fortbildung werden meist nicht übernommen – weil sie „nicht direkt zur Pflege gehören“.
Dabei geht es bei persönlicher Assistenz längst nicht nur um Pflege, sondern um Verantwortung, Organisation, zwischenmenschliches Miteinander und rechtssicheres Handeln.
Und genau hier will mein Verein ansetzen.
Ich möchte eine Struktur schaffen, die begleitet, stärkt, erklärt und vernetzt.
Ein Raum für Fortbildungen, Supervision, Erfahrungsaustausch – sowohl für Assistenznehmer:innen als auch für Assistenzkräfte.
Denn ich habe mich bewusst für das persönliche Budget entschieden.
Und für mich ist ganz klar: Solange es mir möglich ist, lebe ich selbstbestimmt in meinem Zuhause. Ich lasse mich nicht davon abbringen – auch wenn das System manchmal wenig Hilfe bietet.
Was ich mir wünsche, ist nicht mehr, aber auch nicht weniger, als faire Rahmenbedingungen.
Für ein Modell, das eigentlich genau dafür geschaffen wurde: Selbstbestimmung zu ermöglichen.
Kontakt: Ilka_Hannig@web.de
Ich freue mich über Austausch, Mitstreiter:innen, Fachleute, Mutmacher und Möglichmacher – lasst uns gemeinsam weiterdenken.