von Ilka Hannig
Wer über persönliche Assistenz spricht, landet schnell bei sehr praktischen Fragen: Wer hilft beim Anziehen? Wer begleitet ins Theater? Wer unterstützt bei Behördengängen? Doch hinter diesen scheinbar banalen Handlungen steckt eine viel größere Geschichte – nämlich die Frage, wie wir als Gesellschaft miteinander umgehen und welche Werte unser Handeln tragen.
Die klassische Werteethik gibt hier erste Antworten. Schon Aristoteles fragte, was ein „gutes Leben“ ausmacht – und kam auf Tugenden wie Gerechtigkeit, Mut und Freundschaft. Übertragen auf die Assistenz bedeutet das: Nicht nur die Tätigkeit selbst ist entscheidend, sondern die Haltung. Wer respektvoll und achtsam unterstützt, schafft einen Raum, in dem die assistenznehmende Person nicht abhängig, sondern selbstbestimmt leben kann.
Doch die Realität ist selten so eindeutig. Was, wenn eine assistenznehmende Person etwas riskieren möchte, das Helfenden Sorge bereitet? Was, wenn Sicherheit und Autonomie in Spannung geraten? Genau hier eröffnet die Quantenethik eine spannende neue Perspektive.
Die Quantenphysik hat gezeigt, dass unsere Welt nicht starr ist. Ein Elektron ist nicht „Teilchen oder Welle“, sondern beides – je nachdem, wie man hinschaut. Dinge sind nicht festgelegt, sondern bewegen sich in einem Feld von Möglichkeiten. Beobachtung verändert das Geschehen, Beziehung schafft Realität.
Philosoph*innen wie Karen Barad oder Physiker wie Hans-Peter Dürr haben diesen Gedanken auf unser Zusammenleben übertragen: Wirklichkeit ist Beziehung. Verantwortung heißt, sich bewusst zu machen, dass wir immer Teil dieses Beziehungsnetzes sind.
Und genau so ist es in der persönlichen Assistenz. Hier geht es nicht nur um „Hilfe geben“ und „Hilfe bekommen“. Es geht um ein Beziehungsfeld, in dem beide Seiten aufeinander wirken. Jede Handlung verändert die Situation. Ob Nähe entsteht oder Distanz, ob Freiraum wächst oder Einschränkung – das ergibt sich im gemeinsamen Tun.
Nehmen wir ein Beispiel: Jemand möchte trotz großem Unterstützungsbedarf alleine wohnen. Klassische Ethik sagt: Respektiere diese Entscheidung, weil Selbstbestimmung ein hohes Gut ist. Quantenethik hingegen fragt: Welche Möglichkeiten eröffnen sich in diesem Spannungsfeld? Vielleicht entsteht ein hybrides Modell aus technischer Unterstützung, Nachbarschaftshilfe und Assistenzdiensten. Es geht nicht um ein starres „ja oder nein“, sondern um ein „sowohl–als auch“.
So wird Assistenz zu etwas Lebendigem. Sie ist kein mechanischer Dienst, sondern ein Resonanzraum, in dem Freiheit, Verantwortung und Fürsorge immer wieder neu austariert werden. Die Werteethik gibt uns dabei die Richtung: Würde, Respekt, Teilhabe. Die Quantenethik öffnet den Blick für Vielfalt und Dynamik: das Denken in Möglichkeiten statt in Gegensätzen.
Assistenz im Arbeitgebermodell – ein quantenethischer Möglichkeitsraum
Das sogenannte Arbeitgebermodell ist die konsequenteste Form der persönlichen Assistenz. Menschen mit Behinderungen treten dabei selbst als Arbeitgeberinnen auf: Sie wählen ihre Assistentinnen aus, legen Arbeitszeiten fest, bestimmen Aufgaben und entscheiden, wer sie in welchen Lebensbereichen begleitet. Auf den ersten Blick wirkt das nach viel Organisation und Verwaltungsarbeit. Doch der Gewinn ist unschätzbar: maximale Selbstbestimmung.
Im Arbeitgebermodell wird sichtbar, was klassische Werteethik meint: Würde und Autonomie haben Vorrang. Wer entscheidet, wer morgens an der Tür klingelt, wer beim Essen hilft oder wer intime Alltagssituationen begleitet, behält die Hoheit über das eigene Leben. Damit wird Selbstbestimmung nicht abstrakt behauptet, sondern konkret gelebt.
Doch hier öffnet sich auch die Perspektive einer Quantenethik. Wie in der Quantenphysik Realität nicht starr ist, sondern als Feld von Möglichkeiten existiert, so schafft auch das Arbeitgebermodell einen Möglichkeitsraum. Statt an starre Strukturen von Pflegediensten gebunden zu sein, können ganz individuelle Lösungen entstehen: flexible Arbeitszeiten, eine Assistenzkraft, die gleichzeitig Vertraute ist, oder ein Team, das perfekt auf die Bedürfnisse einer Person abgestimmt ist.
Dabei zeigt sich ein Prinzip, das stark an die Quantenphysik erinnert: Beziehung schafft Wirklichkeit. Im Arbeitgebermodell sind Assistenznehmerin und Assistentin nicht einfach in einer hierarchischen Rolle – sie stehen in einer Wechselwirkung. Die Art, wie Vertrauen, Kommunikation und gegenseitiger Respekt gestaltet werden, bestimmt unmittelbar, wie frei, sicher und lebendig der Alltag gelingt.
Natürlich bringt das Modell auch Spannungen: Mit der Freiheit wächst die Verantwortung. Dienstpläne müssen organisiert, Arbeitsverträge verwaltet, Konflikte gelöst werden. Doch genau darin liegt die quantenethische Dimension: Statt in starren Gegensätzen zu denken („Freiheit oder Sicherheit“, „Selbstbestimmung oder Unterstützung“), eröffnet das Arbeitgebermodell ein sowohl–als auch. Es zeigt, dass Autonomie und Verantwortung, Selbstbestimmung und Fürsorge nicht Gegensätze bleiben müssen, sondern in immer neuen Konstellationen zueinander finden können.
So wird das Arbeitgebermodell zu einem praktischen Beispiel dafür, was Quantenethik im Alltag bedeuten kann: ein dynamisches Geflecht von Möglichkeiten, in dem sich Freiheit und Verantwortung gegenseitig bedingen und Wirklichkeit immer wieder neu entsteht.