Wenn Selbstbestimmung an Personalmangel scheitert.


von Ilka Hannig

Vor der Senatsverwaltung in Berlin stehen heute viele von uns, die im Persönlichen Budget im Arbeitgebermodell leben. Menschen, die auf Assistenz angewiesen sind, um ein selbstbestimmtes Leben führen zu können. Menschen, die jeden Tag Verantwortung tragen – für sich selbst, für ihr Team, für Arbeitsverträge, Dienstpläne, Einarbeitungen und all die alltäglichen Entscheidungen, die dazugehören. Und während sie heute dort stehen, sitze ich hier. Nicht, weil ich nicht will. Sondern weil ich nicht kann. Mir fehlt heute Assistenz. Das ist die bittere Realität: Ich kann nicht einmal für meine eigenen Rechte demonstrieren, weil mir die Unterstützung fehlt, die notwendig wäre, um dorthin zu gelangen. Genau das ist der Kern des Problems. Die Selbstbestimmung, die uns die UN-Behindertenrechtskonvention in Artikel 19 zusichert und die das SGB IX als Ziel benennt, scheitert nicht am Willen der Betroffenen, sondern an Strukturen, die instabil sind, weil sie politisch und finanziell unter Druck geraten.

In Berlin wird darüber entschieden, ob das Arbeitgebermodell weiter existieren kann. Wenn die Löhne im Arbeitgebermodell wieder auf Entgeltgruppe 3 zurückfallen, während Assistenzdienste weiterhin nach Entgeltgruppe 5 vergüten, verliert das Arbeitgebermodell seine Grundlage. Denn niemand bleibt in einem Beruf, in dem er oder sie weniger verdient, obwohl die Verantwortung und die Belastung dieselben oder sogar höher sind. Dann brechen Teams auseinander. Menschen wie ich verlieren Menschen, denen wir vertrauen. Und Selbstbestimmung wird wieder zu einem schönen Wort auf Papier, das in der Lebensrealität keine Bedeutung mehr hat.

Das Arbeitgebermodell ist keine Laune. Es ist keine Sonderbehandlung. Es ist die einzige Möglichkeit, als Mensch mit hohem Assistenzbedarf darüber zu bestimmen, wer mich in den intimsten Momenten meines Lebens begleitet. Wer in mein Zuhause kommt. Wer meine Körperpflege übernimmt. Wer in meine Privatsphäre eintritt. Diese Entscheidungen sind kein Luxus. Sie sind Würde.

Wenn Berlin die Kürzungen durchsetzt, stehen viele von uns vor genau zwei Optionen: Entweder in stationäre Wohnformen zu ziehen oder zu Assistenzdiensten zu wechseln, in denen man keine Kontrolle darüber hat, wer kommt und geht. Dann kommen fremde Menschen in den privatesten Raum. Schichtwechsel in Momenten, in denen man Verletzlichkeit erlebt. Keine Sicherheit. Kein Vertrauen. Kein Zuhause mehr, sondern ein betreuter Ort. Und das Tragische daran ist: Es wäre sogar teurer. Das Arbeitgebermodell kostet die Träger weniger als Einrichtungen oder Assistenzdienste. Doch statt das effizientere, menschlichere und selbstbestimmtere System zu stärken, wird es geschwächt.

Ich habe lange gelernt, zu kämpfen. Um Teilhabe. Um Selbstbestimmung. Um ein Leben, das mir gehört. Und ich kämpfe weiter. Auch wenn ich heute physisch nicht dort sein kann, bin ich im Herzen dabei. In den Gedanken. In den Worten, die ich hier schreibe. In der Verantwortung, die ich trage. Und in der Hoffnung, die ich nicht aufgebe. Ich weiß, wie viel Kraft es kostet, sichtbar zu sein. Ich weiß, wie viel Mut es erfordert, für sich selbst einzustehen, wenn der Körper nicht mitmacht. Aber ich weiß auch, dass wir nur dann verlieren, wenn wir leise werden.

Und ich werde nicht leise.

Ilka Hannig
ilka@assistenzgestalten.de
http://www.assistenzgestalten.de
http://www.startnext.com/ich-bin-ilka-und-ich-gebe-nich

Hinterlasse einen Kommentar