von Ilka Hannig
In Berlin steht das System der Eingliederungshilfe am Rande des Zusammenbruchs.
Die Bezirke schlagen Alarm, weil die Sozialverwaltung unter Senatorin Cansel Kiziltepe (SPD) die Abrechnung der Hilfen für Menschen mit Behinderung radikal umstellen will.
Ein neues System, neue Software, neue Vorgaben – alles in kurzer Zeit.
Was auf dem Papier nach Fortschritt klingt, bedeutet in der Praxis:
25.000 Menschen, deren Hilfen, Assistenzleistungen oder Wohnplätze gefährdet sind.
Denn die Sozialämter sagen selbst, dass sie die neuen Vorgaben bis Ende des Jahres nicht umsetzen können.
Die Software ist fehlerhaft, die Arbeitslast enorm, und die Mitarbeitenden sind bereits überfordert.
Wenn bis Dezember die Daten nicht eingepflegt sind, können die Träger kein Geld mehr ausgezahlt bekommen – mit fatalen Folgen: Heime, Wohngruppen und Assistenzdienste könnten keine Gehälter mehr zahlen.
💬 „Dann verlieren Menschen mit Behinderung ihren Platz und ihre Unterstützung.“
So steht es im Brandbrief der Bezirke.
Und das ist keine Übertreibung.
Ich lebe selbst mit dem Persönlichen Budget im Arbeitgebermodell.
Das bedeutet: Ich bin Arbeitgeberin meiner Assistentinnen. Ich schreibe ihre Arbeitsverträge, organisiere Dienstpläne, führe Gespräche, rechne ab.
Ich trage die Verantwortung – nicht nur für mein Leben, sondern auch für die Menschen, die mich im Alltag unterstützen.
Wenn das Abrechnungssystem stockt, kann ich keine Löhne überweisen.
Wenn Behörden ihre Fristen verschieben, bleiben Anträge liegen.
Und wenn die Kommunikation versagt, bin ich es, die das Chaos aushalten muss.
Das SGB IX (§ 29) beschreibt das Persönliche Budget als ein Instrument zur Förderung selbstbestimmter Teilhabe.
Es soll Menschen ermöglichen, ihr Leben eigenverantwortlich zu gestalten – unabhängig von Diensten oder Einrichtungen.
In der UN-Behindertenrechtskonvention (Artikel 19) steht, dass Menschen mit Behinderung das Recht haben, ihren Aufenthaltsort und ihre Lebensform frei zu wählen.
Aber was ist dieses Recht wert, wenn die Verwaltung dahinter nicht funktioniert?
Wenn Hilfen wegen Softwareproblemen, Bürokratie und Personalmangel zusammenbrechen?
Ich sehe, wie das System auf dem Papier immer schöner wird – und in der Realität immer brüchiger.
Jede neue Verordnung, jede zusätzliche Kontrolle, jedes Formular nimmt uns Zeit, Kraft und Würde.
Die Sozialämter sind längst überlastet, die Mitarbeitenden frustriert, die Träger am Limit.
Und wir Betroffenen?
Wir stehen dazwischen – mit der Angst, dass wir am Ende die Ersten sind, die fallen.
Ich frage mich oft, warum die Politik Strukturen aufrechterhält, die offensichtlich nicht mehr tragfähig sind.
Warum niemand den Mut hat, zu sagen:
„Wir müssen zuerst die Menschen absichern – und dann die Systeme anpassen.“
Ich wünsche mir, dass man uns zuhört.
Nicht als Einzelfälle oder Aktennummern, sondern als Menschen, die ihr Leben trotz vieler Hindernisse gestalten.
Wir brauchen keine neuen Hürden, sondern echte Zusammenarbeit – zwischen Verwaltung, Politik, Betroffenen und ihren Assistentinnen.
Darum habe ich AssistenzGestalten e.V. (in Gründung) ins Leben gerufen.
Ein Verein, der dafür steht, dass Selbstbestimmung nicht im Verwaltungsdschungel verloren geht.
Wir wollen zeigen, dass persönliche Assistenz und Teilhabe kein Luxus sind, sondern ein Menschenrecht.
Und dass Inklusion funktioniert – wenn man sie endlich gemeinsam denkt, plant und lebt.
Denn am Ende geht es nicht um Software oder Fristen.
Es geht um Menschen.
Und darum, ob wir ein System schaffen, das uns trägt – oder eines, das uns fallen lässt.
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