Warum wir einen Runden Tisch brauchen – damit Inklusion kein Zufall bleibt

von Ilka Hannig

Manchmal braucht es gar keine großen Ereignisse, um etwas zu erkennen.
An einem ganz normalen Herbsttag, zwischen Arbeitsverträgen, Mails und Telefonaten, wurde mir wieder klar, wie sehr wir alle im System der persönlichen Assistenz nebeneinander her statt miteinander arbeiten.
Ich lebe mit persönlicher Assistenz im Arbeitgeber*innen-Modell – das bedeutet: Ich bin selbst Arbeitgeberin, mit allen Pflichten und Rechten. Ich organisiere mein Team, kümmere mich um Einarbeitungen, Dienstpläne und Kommunikation.
Ich lebe Selbstbestimmung – aber ich lebe sie oft gegen die Strukturen, nicht mit ihnen.

In den letzten Wochen habe ich viele Gespräche geführt – mit Assistentinnen, anderen Budgetnehmer*innen, Beratungsstellen und auch mit Menschen aus der Verwaltung. Und dabei fiel mir immer wieder auf:
Wir alle reden über dasselbe System, aber nicht dieselbe Sprache.
Das Persönliche Budget wurde geschaffen, um Selbstbestimmung und Teilhabe zu ermöglichen. Es ist im § 29 SGB IX als Rechtsanspruch verankert. Dort steht:

„Zur selbstbestimmten und eigenverantwortlichen Wahrnehmung von Teilhabeleistungen können Leistungsberechtigte anstelle von Sachleistungen ein Persönliches Budget erhalten.“

Das bedeutet: Menschen mit Behinderung dürfen selbst entscheiden, wie sie ihr Leben gestalten und welche Unterstützung sie dafür benötigen.
Doch in der Praxis sieht es oft anders aus. Entscheidungen werden getroffen, ohne diejenigen einzubeziehen, die davon betroffen sind. Die Kommunikation zwischen den einzelnen Akteuren – Kostenträger, Verwaltung, Beratungsstellen, Assistentinnen und Arbeitgeberinnen – läuft nicht selten aneinander vorbei.

Dabei wäre genau das der Punkt, an dem Inklusion konkret beginnen könnte:
Im Gespräch.
Im gegenseitigen Verstehen.

Deshalb denke ich seit einiger Zeit über etwas nach, das ich „Runder Tisch Persönliche Assistenz“ nenne.
Ein Raum, in dem wirklich alle Beteiligten zusammenkommen: Menschen mit Assistenzbedarf, Assistentinnen, Vertreterinnen der Verwaltung, der Kostenträger, der Politik und der Beratungsstellen.
Nicht, um gegeneinander zu argumentieren, sondern um miteinander Lösungen zu finden.

Ich glaube fest daran, dass viele Missverständnisse und Konflikte im System weniger mit bösem Willen zu tun haben als mit mangelnder Kommunikation.
Wenn Behörden verstehen, warum eine Einarbeitung mehr Zeit braucht, oder Assistent*innen erfahren, wie sehr ihre Arbeit über reine „Hilfe“ hinausgeht, entsteht etwas Neues – Verständnis. Und aus Verständnis wächst Zusammenarbeit.

Natürlich gibt es auch Gegenargumente.
Ein Runder Tisch kostet Zeit, Organisation und Bereitschaft, zuzuhören.
Es ist unbequem, wenn man plötzlich andere Perspektiven zulassen muss. Und ja – das System ist komplex. Zwischen §§ 78 und 104–106 SGB IX, die Zuständigkeiten und Rahmenbedingungen regeln, zwischen Haushaltsvorbehalt und Verwaltungslogik, bleibt oft wenig Raum für echte Begegnung.

Aber genau deshalb brauchen wir diesen Raum.
Denn solange Entscheidungen über Teilhabe, Selbstbestimmung und Persönliche Assistenz ohne die Stimmen der Betroffenen getroffen werden, bleibt Inklusion ein theoretisches Konzept.
Artikel 4 Absatz 3 der UN-Behindertenrechtskonvention verpflichtet die Staaten ausdrücklich dazu, Menschen mit Behinderung in alle Entscheidungsprozesse, die sie betreffen, einzubeziehen.

„Bei der Ausarbeitung und Durchführung von Gesetzen und politischen Konzepten […] ziehen die Vertragsstaaten Menschen mit Behinderungen aktiv ein und beziehen sie ein.“

Das passiert in Deutschland viel zu selten – und in Berlin noch weniger.

Ein Runder Tisch wäre ein Anfang.
Er könnte dazu beitragen, dass die Beteiligten wieder auf Augenhöhe sprechen.
Dass Verwaltung und Politik verstehen, was es bedeutet, wenn man 24 Stunden am Tag auf Unterstützung angewiesen ist.
Und dass Assistent*innen spüren, wie wichtig und verantwortungsvoll ihre Arbeit ist.

Ich habe in den letzten Jahren gelernt: Veränderung beginnt nie im Großen, sondern immer im Kleinen.
Vielleicht ist dieser Runde Tisch genau der kleine Schritt, der Großes bewegen kann – weil er Räume öffnet, in denen Verständnis wächst, Vertrauen entsteht und neue Wege sichtbar werden.

Am Ende geht es nicht um Bürokratie, Zahlen oder Haushalte.
Es geht um Menschen.
Um Beziehungen.
Und um den Mut, sich wirklich zuzuhören.

Wenn wir das schaffen, kann aus dem Persönlichen Budget endlich das werden, was es laut Gesetz immer sein sollte:
Ein Werkzeug für echte Selbstbestimmung und gelebte Teilhabe.

Ilka Hannig
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