Wenn Assistenz zum Luxus wird – Warum das Thema Assistenzzimmer zur Pattsituation wird

von Ilka Hannig

In einer Facebook-Gruppe habe ich kürzlich an einer Diskussion teilgenommen, die mich tief getroffen hat – es ging um Assistenzzimmer. Also darum, ob Menschen mit Assistenzbedarf ein zusätzliches Zimmer für ihre persönlichen Assistenzen zur Verfügung stellen sollten oder sogar müssen. Die Meinungen gingen dabei stark auseinander, aber eine Frage kam immer wieder auf: Wer soll das bezahlen – und wie soll das überhaupt funktionieren?

Denn die Realität sieht leider so aus: Viele Menschen wie ich bekommen beispielsweise nur 12 Stunden Assistenz am Tag bewilligt – und genau mit dieser Begründung lehnen Behörden oft den Bedarf für ein zusätzliches Assistenzzimmer ab. Es wird gesagt: „Wenn niemand bei dir übernachten muss, brauchst du auch kein extra Zimmer.“ Klingt auf dem Papier logisch – in der Realität bedeutet es eine Katastrophe.

Denn viele Assistent*innen bewerben sich heutzutage nur noch, wenn es einen Rückzugsraum gibt. Gerade in Zeiten von Personalmangel ist das absolut verständlich. Und ich verstehe es auch – wer möchte schon in einer Ecke im Wohnzimmer „pausieren“ oder nach einer Nachtschicht auf einem Klappbett schlafen? Aber wenn der Kostenträger sagt: „Kein Zimmer = keine Finanzierung“, und die Bewerber sagen: „Kein Zimmer = keine Bewerbung“, dann sitze ich als Arbeitgeberin mit Behinderung mitten in einer Pattsituation fest.

Was mich daran besonders frustriert: Es geht hier nicht um Luxus. Es geht um eine Grundlage für Teilhabe und Selbstbestimmung. Und laut Gesetz habe ich sogar ein Recht darauf:
Nach § 9 Abs. 2 SGB IX gilt das Wunsch- und Wahlrecht, das ausdrücklich besagt, dass „die berechtigten Wünsche der Leistungsberechtigten zu berücksichtigen sind“. Und auch die UN-Behindertenrechtskonvention (Artikel 19) verpflichtet Deutschland dazu, Menschen mit Behinderung ein selbstbestimmtes Leben in der Gemeinschaft zu ermöglichen.

Doch in der Praxis sieht es anders aus. Die zuständigen Stellen schieben sich gegenseitig die Verantwortung zu. Die einen sagen, das sei „nicht wirtschaftlich“, die anderen behaupten, es sei „nicht notwendig“ – und ich frage mich: Wie soll ich gute, zuverlässige Assistenz finden, wenn das System mir keine Luft zum Atmen lässt?

Es wird oft so getan, als wäre Assistenz ein Luxusproblem. Aber das ist es nicht. Für mich – und viele andere – ist persönliche Assistenz die Voraussetzung dafür, dass wir arbeiten, leben, teilnehmen können. Und genau dafür brauchen wir auch Strukturen, die funktionieren. Und ja – dazu gehört manchmal auch ein einfaches, menschenwürdiges Zimmer.

Was ich mir wünsche? Dass diese Themen endlich ernst genommen werden. Dass Menschen wie ich gehört werden, nicht nur verwaltet. Dass sich Politik, Verwaltung und Gesellschaft gemeinsam fragen: Wollen wir wirklich Inklusion? Oder nur das schöne Wort auf dem Papier?

Denn eins ist klar: Wenn das System nicht mitdenkt, dann funktioniert es nicht. Und dann werden Menschen wie ich immer wieder zwischen Bürokratie, fehlendem Wohnraum und starren Regeln zerrieben.

Und genau deshalb mache ich weiter. Für eine Zukunft, in der persönliche Assistenz keine Kompromisslösung mehr ist – sondern eine selbstverständliche Grundlage für ein Leben in Würde.

Hinterlasse einen Kommentar