Inklusion ist kein Ideal – sie ist Alltag. Oder sollte es sein.

Von Ilka Hannig

In den letzten Tagen habe ich wieder viele Berichte gelesen – über Forderungen nach mehr Inklusion, nach echter Barrierefreiheit, nach Teilhabe. Und ehrlich gesagt: Das macht mich traurig. Nicht, weil ich diese Forderungen nicht gut finde – im Gegenteil! Sondern weil wir sie immer noch brauchen. Weil das, was für mich und viele andere Menschen mit Behinderung selbstverständlich sein sollte, in dieser Gesellschaft immer noch ein Kampf ist.

Ich frage mich ganz ehrlich: Warum macht die Politik das eigentlich so kaputt?

Natürlich verstehe ich, dass gespart werden muss. Dass Budgets begrenzt sind. Aber genau deshalb wäre es doch klug, die Potenziale von Menschen wie mir zu nutzen – uns arbeiten zu lassen, uns zu fördern, uns teilhaben zu lassen. Denn Inklusion ist kein Kostenfaktor – sie ist eine Investition. In Menschen. In die Zukunft. In Stabilität.

Wenn ich arbeiten kann – mit persönlicher Assistenz, mit barrierefreier Umgebung, mit den nötigen Hilfsmitteln –, dann zahle ich Steuern. Ich entlaste das Sozialsystem. Ich bin ein Teil davon. Und das bin ich gerne.

Aber ich erlebe es anders. Ich erlebe, dass Inklusion oft nur dann stattfindet, wenn es gerade passt. Wenn sie nicht zu unbequem ist. Wenn sie nicht zu viel kostet oder nicht zu viele Fragen aufwirft.

Dabei ist Inklusion nicht nur für Menschen mit Behinderung ein Vorteil. Barrierefreiheit – sei es baulich, digital oder gesellschaftlich – macht das Leben für alle leichter. Für Eltern mit Kinderwagen, für ältere Menschen, für Menschen mit Verletzungen oder temporären Einschränkungen. Für Menschen, die einfach einen anderen Rhythmus, ein anderes Tempo haben. Es geht nicht um „Extra-Würste“. Es geht um Normalität. Um Gerechtigkeit.

Und ja: Ich glaube immer noch, dass Inklusion und Barrierefreiheit vor allem eine Frage des Wollens sind.

Ich sag das nicht einfach nur so. Ich erlebe es fast täglich. In Behörden, auf dem Arbeitsmarkt, im ÖPNV, in der Kommunikation. Oft sind es nicht mal große Dinge, die fehlen. Es sind Kleinigkeiten, die zeigen: Man hat nicht mitgedacht. Oder schlimmer: Man wollte nicht mitdenken.

Wenn man sich Zeit nimmt, miteinander spricht, sich zuhört – dann geht vieles. Auch ohne Millionenbudgets. Auch ohne riesige Reformen. Inklusion beginnt im Alltag, im Kleinen. Aber sie endet nicht dort. Und genau deshalb muss sie auch politisch gewollt und gesteuert werden.

Die UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK), die Deutschland 2009 ratifiziert hat, verpflichtet den Staat dazu, gleichberechtigte Teilhabe in allen Lebensbereichen zu gewährleisten. In Artikel 27 steht klar: Menschen mit Behinderung haben das Recht auf Arbeit – gleichberechtigt mit anderen. Artikel 9 fordert Barrierefreiheit in allen Lebensbereichen. Artikel 19 garantiert das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben – auch mit Assistenz.

Und auch das Grundgesetz, Artikel 3, Absatz 3, sagt: „Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“

Trotzdem habe ich oft das Gefühl: Viele dieser Rechte sind nur auf dem Papier stark. In der Realität kämpfen wir. Jeden Tag. Und manchmal sind es nicht die Gesetze, die fehlen – sondern der politische Wille, sie ernst zu nehmen.

Ich frage mich oft: Will die Politik überhaupt echte Inklusion? Oder nutzt man diese Worte, weil sie gut klingen, weil sie in Reden Eindruck machen – wie eine schöne Fassade, hinter der sich wenig bewegt?

Ich wünsche mir, dass man diese Fragen ehrlich beantwortet. Und ich wünsche mir, dass ich sie stellen darf – in einem Gespräch, auf Augenhöhe, ganz ohne Show. Einfach reden. Ich würde mich wirklich gern mal mit Politiker*innen austauschen. Nicht in Talkshows oder auf Podien. Sondern da, wo ich meine Fragen stellen kann – einfache, persönliche, ehrliche Fragen. Und ich will versuchen, diese Gespräche zu führen. Denn so wie es gerade läuft, fühlt es sich oft so an, als wolle sich die Politik gar nicht wirklich mit dem Thema befassen.

Aber ich will. Weil es um mein Leben geht. Und das vieler anderer auch.


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