Warum wird es Menschen mit Einschränkungen im Alltag und Berufsleben so schwer gemacht?



Ein persönlicher Blick von Ilka Hannig

Ich frage mich das wirklich oft: Warum ist es für uns Menschen mit Einschränkungen immer noch so schwer, im Alltag und im Berufsleben wirklich mitgemeint zu sein?

Ich will kein Mitleid und auch keine Sonderbehandlung – ich will einfach die gleichen Chancen wie andere. Arbeiten, leben, wohnen, dazugehören. Doch das ist oft mit Hürden verbunden, die man von außen gar nicht sieht. Und selbst da, wo Rechte längst gesetzlich verankert sind, fehlt es oft an Umsetzung und an echtem Willen zur Veränderung.

Die Gesetze sind da – aber sie greifen oft nicht

Schon das Grundgesetz (Art. 3 Abs. 3 Satz 2 GG) sagt klar: „Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“
Auch das Behindertengleichstellungsgesetz (BGG) verpflichtet staatliche Stellen zur Barrierefreiheit.
Und das Sozialgesetzbuch IX (SGB IX) spricht von Teilhabe am Arbeitsleben, individuellen Bedarfen und Persönlichem Budget.
Sogar auf internationaler Ebene verpflichtet uns die UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) seit 2009 zu echter Inklusion – in allen Lebensbereichen.

Aber was nützen mir Rechte auf dem Papier, wenn sie in der Praxis so oft verpuffen?

Ich erlebe regelmäßig, dass Gesetze unterschiedlich ausgelegt werden. Dass Budgets gekürzt oder nur teilweise genehmigt werden, dass plötzlich „Wirtschaftlichkeit“ über Teilhabe gestellt wird. Dass Persönliche Assistenz, die eigentlich Selbstbestimmung ermöglichen soll, durch neue Weisungen und Vorgaben so eingeschränkt wird, dass sie kaum noch praktikabel ist.

Gerade beim Arbeitgeber*innen-Modell – also wenn ich als Mensch mit Behinderung meine Assistenzen selbst einstelle – wird es aktuell besonders brenzlig. Obwohl ich damit Verantwortung übernehme, sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze schaffe und unabhängig leben kann, wird mir diese Form der Selbstbestimmung durch die verweigerte Refinanzierung des Tarifvertrags langsam unmöglich gemacht. Dabei steht im SGB IX, §29 und §105, dass Leistungen nach individuellem Bedarf erbracht werden sollen. Und nicht pauschal, nicht nach Haushaltslage, nicht nach dem Zufallsprinzip.

Teilhabe kostet – aber keine Inklusion kostet noch mehr

Wenn Menschen mit Einschränkungen nicht selbstbestimmt leben oder arbeiten können, entstehen hohe Folgekosten: durch Pflege, stationäre Unterbringung, psychische Belastung, Arbeitslosigkeit.
Investieren wir aber in Inklusion, in Barrierefreiheit, in Assistenz und in eine offene Arbeitswelt, dann gewinnt die ganze Gesellschaft.

Laut Studien (z. B. Aktion Mensch, IAB) sehen 79 % der Unternehmen keine Unterschiede in der Leistungsfähigkeit von Menschen mit Behinderung – 12 % sogar eine höhere Motivation. Trotzdem beschäftigen über 40 % der Unternehmen gar keine Menschen mit Schwerbehinderung – trotz gesetzlicher Pflicht (SGB IX, § 154).

Warum? Weil Vorurteile und Unsicherheit oft stärker sind als Fakten und Gesetze.

Ich bin nicht das Problem – das System ist es

Ich organisiere meinen Alltag mit Assistenz, mit Struktur, mit Verantwortung. Ich kämpfe für mein eigenes Leben – jeden Tag. Und ich merke dabei: Das Problem bin nicht ich. Es ist das System, das Vielfalt immer noch als Sonderfall betrachtet. Das Teilhabe als Kostenstelle behandelt und Menschen wie mich verwaltet, statt uns zuzuhören.

Was mir Hoffnung macht? Dass wir immer mehr werden, die laut sind. Die Petitionen starten, Vereine gründen, Mahnwachen organisieren, Öffentlichkeitsarbeit machen. Ich selbst bin mit meinem Verein AssistenzGestalten genau dafür gestartet – weil ich nicht länger akzeptieren will, dass Selbstbestimmung ein Privileg ist.

Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der Inklusion nicht ständig begründet werden muss. In der Teilhabe nicht auf dem Prüfstand steht, sondern eine Selbstverständlichkeit ist. Und in der nicht ständig neue Hürden geschaffen werden, nur weil Menschen mit Behinderung nicht ins Raster passen.

Denn das kann uns alle treffen – durch Krankheit, Unfall, Alter. Inklusion ist kein Luxus. Sie ist ein Menschenrecht. Und sie ist ein Gewinn – wirtschaftlich, sozial, menschlich.

Ich bin Ilka Hannig. Und ich gebe nicht auf.

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