Ein persönlicher Beitrag von Ilka Hannig
In Berlin spitzt sich eine Entwicklung zu, die nicht nur ein Verwaltungsproblem offenbart, sondern tiefgreifende Fragen nach Gerechtigkeit, Teilhabe und Würde aufwirft. Es geht um die Persönliche Assistenz – genauer gesagt, um das Arbeitgebermodell, in dem Menschen mit Behinderungen ihre Assistenzkräfte selbst auswählen, anleiten und beschäftigen. Dieses Modell steht für Selbstbestimmung, für Kontrolle über das eigene Leben, für Unabhängigkeit. Doch genau das wird nun gefährdet.
Der Berliner Senat weigert sich bisher, einen Tarifvertrag für das Arbeitgebermodell anzuerkennen und entsprechend zu refinanzieren. Das bedeutet konkret: Assistent:innen, die im Arbeitgebermodell arbeiten, verdienen weniger als Kolleg:innen in Assistenzdiensten – obwohl sie dieselbe Arbeit machen. Der Unterschied ist nicht fachlich, sondern politisch. Und er ist tief ungerecht.
Für mich und viele andere hat das unmittelbare Konsequenzen: Wir verlieren gute Kräfte. Wir finden kaum noch Bewerber:innen. Die wenigen, die bleiben, können sich ein Leben von diesem Lohn oft nicht leisten. Wir sind gezwungen, auf Assistenzdienste zurückzugreifen, obwohl das weniger Flexibilität, weniger Mitbestimmung und mehr Bürokratie bedeutet. Was als selbstbestimmte Lösung gedacht war, wird so zum Flickwerk.
Gleichzeitig verschärft das Landesamt für Gesundheit und Soziales (LAGeSo) durch eine neue Verwaltungsvorschrift die Bedingungen zusätzlich. Finanzierungsanträge werden strenger geprüft, individuelle Bedarfe in Frage gestellt, Entscheidungen über Lebensführung zunehmend „verrechnet“. Es entsteht der Eindruck, als wolle man nicht Teilhabe ermöglichen, sondern kontrollieren, kürzen, begrenzen. Diese Entwicklung widerspricht nicht nur der UN-Behindertenrechtskonvention, sondern auch dem Geist des Sozialgesetzbuches IX, das eigentlich auf Teilhabe, Gleichstellung und Selbstverantwortung ausgerichtet ist.
Was das für mich bedeutet? Dass ich heute nicht weiß, ob morgen jemand zur Frühschicht erscheint. Dass ich, wenn ich krank bin, meine Assistenz trotzdem anleiten muss – weil sie niemand eingearbeitet hat. Dass ich Menschen erklären muss, warum ich aufstehen, duschen oder einkaufen gehen will – und dass ich nicht bereit bin, jeden Wunsch mit medizinischen Argumenten rechtfertigen zu müssen.
Ich will leben, nicht überleben.
Und ich frage mich, wie oft wir noch laut werden müssen, bis klar wird: Hier geht es nicht um Luxus. Hier geht es um Menschen. Um Menschen, die ihr Leben selbst gestalten wollen. Um Menschen wie mich.
Ich fordere: Gleiches Geld für gleiche Arbeit. Rechtssicherheit für persönliche Assistenz. Vertrauen statt Misstrauen. Und vor allem: eine Politik, die Menschen in den Mittelpunkt stellt – nicht die Verwaltung.
Ich will nicht mehr kämpfen müssen, um die Kontrolle über mein eigenes Leben zu behalten. Ich will einfach nur: Mensch sein dürfen.
Ilka Hannig
