Fake Inklusion – Wenn Inklusion nur auf dem Papier existiert .


von Ilka Hannig

Ich kann das Wort „Inklusion“ mittlerweile kaum noch hören – und das sage ich als jemand, die sich ihr Leben lang für ein bisschen mehr Teilhabe, mehr Gerechtigkeit und mehr Selbstbestimmung stark gemacht hat. Nicht, weil ich aufgebe – sondern weil ich ehrlich bin: Was in Deutschland als Inklusion verkauft wird, ist oft nichts weiter als Fassade. Fake Inklusion. Schöne Worte – ohne Konsequenzen.

Ich lebe mit Behinderung, ich bin auf persönliche Assistenz angewiesen, habe einen Pflegegrad, erhalte Grundsicherung und gelte offiziell als voll erwerbsgemindert – obwohl ich arbeiten möchte. Ich habe acht Jahre vor Gericht versucht, einen Weg in den Teilerwerb zu finden. Vergeblich. Das System kennt nur den Weg rein, nicht wieder raus. Und obwohl mir mein Hausarzt eine Arbeitsfähigkeit von sechs Stunden täglich bescheinigt hat, wurde ich abgelehnt.

Dabei steht in Artikel 3 Absatz 3 des Grundgesetzes ganz klar:
„Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“
Und doch – genau das passiert. Täglich.

Die UN-Behindertenrechtskonvention, die Deutschland 2009 ratifiziert hat, fordert Selbstbestimmung, Chancengleichheit und volle Teilhabe.
Das SGB IX und das Bundesteilhabegesetz sollen genau das absichern – aber viele von uns erleben: Die Realität sieht anders aus. Wir kämpfen gegen Behörden, gegen starre Systeme, gegen Unverständnis. Und gegen Diskriminierung, die nicht immer laut, aber immer wirksam ist.

Ich nutze das Arbeitgebermodell im Persönlichen Budget, stelle meine Assistenzkräfte selbst ein. Aber dabei wird man in eine Rolle gedrängt – als Chef, Manager, Personalverantwortliche – ohne Anleitung, ohne Ausbildung, ohne Ansprechpartner. Und wenn es Probleme gibt? Dann heißt es oft: „Das liegt in Ihrer Verantwortung.“
Dabei steht nirgendwo, wie man dieser Verantwortung überhaupt gerecht werden kann.

Viele Assistenznehmer:innen erleben genau das: Sie wollen selbstbestimmt leben, aber das System gibt ihnen keine echte Chance. Es fehlt an Strukturen, an Schulungen, an Beratung. Genau deshalb gründe ich gerade den Verein AssistenzGestalten e.V. – ein Ort, wo wir gemeinsam lernen, fordern, wachsen. Wo persönliche Assistenz nicht nur eine Leistung ist, sondern eine Haltung.

Und ja – ich weiß, dass es unbequem ist, diese Dinge anzusprechen. Ich weiß, dass es Menschen nervt, wenn ich sage: So geht es nicht weiter. Aber ich habe lange genug geschwiegen. Inklusion ist kein Geschenk – sie ist ein Recht. Und wer sie nicht ernsthaft umsetzt, verweigert Teilhabe.

Fake Inklusion passiert dann, wenn man von Vielfalt redet – aber Einfalt lebt. Wenn man Programme schreibt – aber keine Menschen einbindet. Wenn man Barrierefreiheit verspricht – aber Türen verschlossen bleiben.
Und solange das so bleibt, werde ich nicht aufhören, darüber zu sprechen.

Mach mit. Unterstütze uns.
Vereinsgründung: http://www.assistenzgestalten.de
Crowdfunding: http://www.startnext.com/assistenzgestalten

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