Von Ilka Hannig
Viele Menschen mit Behinderung in Deutschland leben an oder unter der Armutsgrenze – und das ist kein Zufall, sondern Ergebnis eines Systems, das Teilhabe oft verspricht, aber selten umsetzt. Die Gründe dafür sind vielschichtig – und sie zeigen deutlich, dass Armut in diesem Bereich strukturell bedingt ist.
Der Zugang zum Arbeitsmarkt ist für Menschen mit Behinderung nach wie vor stark eingeschränkt. Barrieren in Gebäuden, fehlende Assistenz am Arbeitsplatz, Vorurteile und Unsicherheiten bei Arbeitgeber:innen führen dazu, dass viele Menschen entweder gar nicht erst eingestellt werden oder in Sonderstrukturen wie Werkstätten landen. In diesen sogenannten Werkstätten verdienen Beschäftigte oft weniger als zwei Euro pro Stunde – kein Mindestlohn, kein echter Arbeitsvertrag, keine volle Rentenabsicherung. Das wird zwar als Beschäftigung bezeichnet, aber wirtschaftlich ist es ein System, das Abhängigkeit zementiert.
Hinzu kommt: Viele Menschen mit Behinderung werden als voll erwerbsgemindert eingestuft – teilweise dauerhaft. Damit dürfen sie entweder gar nicht arbeiten oder nur sehr begrenzt, und selbst wenn sie arbeiten möchten, werden Einnahmen auf die Grundsicherung angerechnet. Das bedeutet: Arbeit lohnt sich kaum, und Eigeninitiative wird systematisch entwertet.
Gleichzeitig verursacht ein Leben mit Behinderung oft höhere Ausgaben: Hilfsmittel, Assistenz, barrierefreier Wohnraum, Therapien oder Mobilitätshilfen – vieles davon wird nicht vollständig übernommen oder ist mit langen Antragsverfahren verbunden. Und wer dann noch sparen oder vorsorgen will, merkt schnell: Bei Sozialleistungen gibt es Vermögensgrenzen, die jede Form von Sicherheit verhindern.
All das führt dazu, dass viele Menschen mit Behinderung dauerhaft in Armut leben – nicht, weil sie nicht wollen oder können, sondern weil das System sie in dieser Lage hält. Und das, obwohl Deutschland sich mit der UN-Behindertenrechtskonvention zu echter Teilhabe und Gleichstellung verpflichtet hat.
Diese Realität muss benannt werden. Denn Armut unter Menschen mit Behinderung ist kein individuelles Problem – sie ist politisch gemacht. Und sie kann nur politisch verändert werden.
