Ein persönlicher Bericht von Ilka Hannig
Viele Menschen gehen davon aus, dass man als Mensch mit Behinderung in Deutschland gut abgesichert ist. Doch aus meiner eigenen Erfahrung weiß ich: Das stimmt nur auf den ersten Blick. Wer – wie ich – mit voller Erwerbsminderung lebt, auf persönliche Assistenz angewiesen ist und Grundsicherung nach dem SGB XII bezieht, lebt dauerhaft an der Armutsgrenze. Und das ist kein persönliches Versagen, sondern die direkte Folge gesetzlicher Strukturen.
Die Grundsicherung nach dem SGB XII ist dafür gedacht, den „notwendigen Lebensunterhalt“ zu sichern – nicht mehr. Der monatliche Regelsatz liegt bei etwas über 500 Euro plus Miete. Damit soll man Lebensmittel, Kleidung, Mobilität, Kommunikation und persönliche Bedürfnisse decken. Wenn man etwas dazuverdient, darf man davon nur rund 30 % behalten – der Rest wird angerechnet. Das bedeutet: Wer arbeiten kann und möchte, wird kaum belohnt, sondern ausgebremst. Ich kenne das Gefühl sehr gut: Etwas leisten zu wollen, aber nicht zu dürfen, weil das System keine Spielräume lässt.
Wer – wie ich – das Persönliche Budget nutzt, um Assistenz selbst zu organisieren, übernimmt viel Verantwortung. Man ist Arbeitgeber:in, organisiert Dienstpläne, verwaltet Gelder, führt Gespräche, löst Konflikte. Und trotzdem gilt man offiziell als „nicht erwerbsfähig“. Es ist ein Paradox: Ich darf Menschen beschäftigen, aber keine eigene Rente aufbauen. Ich darf entscheiden, wie mein Assistenzteam arbeitet, aber ich zähle nicht als arbeitende Person. Und weil ich nie „regulär“ gearbeitet habe – weil es nie erlaubt oder gefördert wurde – habe ich auch keinen Anspruch auf Erwerbsminderungsrente. Ich bekomme nur Grundsicherung.
Wer dann noch einen höheren Pflegegrad hat, wird zusätzlich in Schubladen gesteckt. Viele glauben, dass Menschen mit Pflegebedarf nicht arbeitsfähig sind. Dabei hat Pflege nichts mit geistiger Leistungsfähigkeit zu tun. Man kann körperlich eingeschränkt sein – und trotzdem kreativ, strukturiert, lösungsorientiert denken. Ich bin der lebende Beweis dafür.
Ich schreibe das nicht, weil ich Mitleid will. Ich schreibe das, weil ich zeigen will, wie ein System Menschen kleinhält, die etwas beitragen könnten. Armut ist für viele mit Behinderung kein Zufall, sondern gesetzlich produziert. Und das ist nicht nur ungerecht – es widerspricht dem Anspruch von Inklusion, Menschenrechten und Gleichberechtigung.
Deshalb will ich etwas verändern. Ich habe einen Verein gegründet und arbeite an der Umsetzung meiner Notfall-Assistenz-App – nicht nur für mich, sondern für viele andere, die wie ich leben wollen, statt nur zu überleben.
Ilka Hannig
Ilka_Hannig@web.de
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