Ein Beitrag zur Inklusion, Versorgungssicherheit und Gleichstellung
Ilka Hannig | Stand: März 2025
Ich bin Ilka Hannig, 46 Jahre alt, lebe mit körperlicher Behinderung und nutze seit vielen Jahren persönliche Assistenz im Arbeitgebermodell. Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie wertvoll dieses Modell ist – und wie herausfordernd. Die Idee zu meiner Notfall-Assistenz-App sowie zur Gründung eines Vereins entstand aus einer konkreten Versorgungslücke, die mich – wie viele andere – in echte Not gebracht hat. Menschen wie ich sind Arbeitgeber:innen – mit allen Pflichten. Aber ohne die strukturelle Unterstützung, die in der freien Wirtschaft selbstverständlich wäre.
Artikel 19 der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) verpflichtet Deutschland dazu, Menschen mit Behinderung die freie Wahl zu lassen, wie, wo und mit wem sie leben – und welche Unterstützungsform sie nutzen. Das Persönliche Budget (§ 29 SGB IX) ist eines der wichtigsten Instrumente zur Umsetzung dieses Rechts. Dabei wird häufig das sogenannte Arbeitgebermodell gewählt, bei dem die betroffene Person Assistenzkräfte selbst anstellt und damit die volle Verantwortung trägt – rechtlich und organisatorisch.
Die Vorteile liegen auf der Hand: größtmögliche Selbstbestimmung, bedarfsgerechte Assistenz, niedrigere Kosten für die Leistungsträger (da keine Verwaltungspauschalen wie bei Diensten anfallen). Doch trotz dieser Vorteile wird das Modell zunehmend unattraktiv – weil zentrale strukturelle Rahmenbedingungen fehlen.
Viele Arbeitgeber:innen mit Behinderung finden kein Personal mehr, da sie ihre Assistent:innen nur zum Mindestlohn beschäftigen können. Zuschläge für Nacht-, Wochenend- und Feiertagsarbeit werden oft nicht refinanziert, obwohl Assistenzdienste diese erhalten. Es gibt keine gesetzliche Regelung, die tarifnahe Löhne im Arbeitgebermodell absichert. Schulungen, Supervision und Vertretungsregelungen sind nicht vorgesehen – obwohl diese in jeder anderen Führungsposition selbstverständlich wären. Das Arbeitgebermodell wird schleichend verdrängt, obwohl es kostengünstiger und inklusionsorientierter ist.
Christine Braunert-Rümenapf, Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderung in Berlin, äußerte am 20.03.2025:
„Viele sehen sich gezwungen, zu den ohnehin überlasteten Assistenzdiensten zu wechseln […] Das ist ein großer Rückschritt für die Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderungen.“
„Ich appelliere an den Senat, eine klare Regelung für die behinderten Arbeitgeber:innen zu treffen, damit sie ihre Assistent:innen gleichwertig nach Tarif bezahlen können.“
Diese Worte sprechen vielen Betroffenen aus der Seele – und sie zeigen den politischen Handlungsbedarf klar auf.
Was jetzt gebraucht wird, sind konkrete politische Maßnahmen:
- Gesetzlich verankerte Refinanzierung tarifnaher Löhne im Arbeitgebermodell
→ gleiche Bedingungen wie bei Diensten – auch bei Zuschlägen - Schaffung von Unterstützungsstrukturen für Arbeitgeber:innen mit Behinderung
→ Schulungen, Supervision, rechtliche Begleitung, Notfalllösungen - Politische Klarheit & geregelte Zuständigkeit zwischen Ländern, Kommunen und Trägern
→ einheitliche Standards & transparente Verfahren - Aufwertung des Berufsbildes „Persönliche Assistenz“
→ gesellschaftliche Anerkennung, Qualifizierung und bessere Rahmenbedingungen - Unterstützung innovativer Projekte & Plattformen
→ z. B. digitale Lösungen wie meine Notfall-Assistenz-App und der geplante Verein für Beratung, Vermittlung und politische Aufklärung
Mein persönliches Statement:
„Ich will keine Sonderrolle – ich will faire Bedingungen. Ich übernehme Verantwortung als Arbeitgeberin, dann muss mir auch Verantwortung entgegengebracht werden.“
„Assistenz ist kein Luxus, sondern Teilhabesicherung. Wenn das System Menschen in die Überforderung drängt, dann ist nicht die Behinderung das Problem – sondern die Struktur.
