Die unsichtbaren Herausforderungen im Arbeitgebermodell – Ein persönlicher Einblick.

von Ilka Hannig

Arbeitgeber:in zu sein klingt im ersten Moment nach Verantwortung, Organisation, Führung. Was viele dabei nicht sehen – vor allem nicht im Kontext persönlicher Assistenz – ist die Komplexität, die diese Rolle mit sich bringt, wenn man selbst Assistenz benötigt.

Denn in dieser Rolle trifft man auf einen echten Drahtseilakt: Ich bin die Person, die auf Unterstützung angewiesen ist – und gleichzeitig diejenige, die sagen muss, was, wie und warum zu geschehen hat. Das ist nicht immer leicht. Es erfordert mentale Stabilität, Klarheit, eine gefestigte innere Haltung – und das Tag für Tag.

Noch komplexer wird es, weil persönliche Assistenz eine sehr individuelle und intime Form der Zusammenarbeit ist. Die Assistent:innen arbeiten in meinem privaten Umfeld, in meinem Rückzugsort – meiner Wohnung. Sie bringen ihre eigene Geschichte mit, ihre eigenen Werte, Prägungen, Vorstellungen. Und das sieht man im ersten Bewerbungsgespräch nicht. Niemand kann das. Man entscheidet oft nach Bauchgefühl, nach einem kurzen Eindruck – weil man eben kein Personalprofi oder Psychologe ist.

Was dann passiert, ist ein gemeinsames Hineinwachsen. Ich werde zur Profi-Arbeitgeberin, sie zur Profi-Assistent:in. Aber das heißt nicht, dass wir beide gleich viel wissen oder fühlen. Es braucht Respekt, Augenhöhe, Geduld – und ein gemeinsames Verständnis von Rollen.

Leider ist das nicht selbstverständlich. Viele Assistent:innen wissen zu Beginn gar nicht, was persönliche Assistenz wirklich bedeutet. Dass sie nicht dazu da sind, Entscheidungen zu treffen oder Abläufe zu verändern, „weil es bei ihnen zu Hause besser läuft“. Dass sie nicht dafür da sind, die Kontrolle zu übernehmen, sondern vielmehr, die Handlungen eines anderen Menschen auszuführen – so wie dieser es möchte.

Und wenn das nicht klappt, beginnt oft ein sehr belastender Kreislauf: Als Assistenznehmer:in überlegt man sich gut, ob man eine Person kündigt – weil der Arbeitsmarkt eng ist. Abmahnungen? Schwierig. Viele reagieren mit Krankmeldungen oder Rückzug. Und leider nutzen einige die Situation aus. Denn sie wissen: Die Person, die auf Assistenz angewiesen ist, ist oft auch abhängig – emotional, organisatorisch, existenziell.

Diese Abhängigkeitsverhältnisse sind sensibel. Und sie sind kaum geschützt. Oft findet die Manipulation nicht laut statt – sondern leise. Hintergründig. Und doch spürbar.

Und dann ist da noch der Punkt, der oft vergessen wird: Assistenz heißt nicht, dass man mitdenkt. Es heißt nicht, dass man entscheidet, bewertet, verändert. Es heißt: begleiten, umsetzen, unterstützen – auf Wunsch, nach Anweisung, mit Zurückhaltung.

Assistent:innen sind nicht der Kopf – sie sind die Arme und Beine.
Diese einfache Wahrheit wird leider viel zu oft missverstanden – oder nie erklärt.

In all dem steckt enormes Potenzial für Konflikte, Missverständnisse und Verletzungen. Und genau deshalb bräuchte es dringend:

mehrmonatige Schulungen für alle, die ins Arbeitgebermodell einsteigen

Begleitung und Supervision

Plattformen für Austausch, Weiterbildung und Krisenintervention

Denn persönliche Assistenz ist nicht einfach nur ein Job. Sie ist ein Vertrauensverhältnis. Eine Schnittstelle zwischen Nähe und Verantwortung. Zwischen Professionalität und Menschlichkeit.

Und ich wünsche mir, dass genau das mehr gesehen, gehört und unterstützt wird. Denn wer in dieser Rolle lebt – so wie ich – trägt mehr, als man auf den ersten Blick sieht.

Ilka Hannig
Ilka_Hannig@web.de

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