Ilka Hannig
Als Mensch mit Behinderung ist es oft nicht genug, einfach nur gut zu sein. Man muss besser sein, schneller, organisierter, perfekter. Nicht, weil man es sich aussuchen kann, sondern weil viele in der Gesellschaft automatisch davon ausgehen, dass man es eh nicht schaffen wird. Dass es nur Gerede ist oder dass man irgendwann scheitert, weil „es ja nicht anders geht“.
Diese Realität begleitet mich schon mein ganzes Leben. Es wird erwartet, dass ich erst einmal beweisen muss, dass ich überhaupt etwas kann. Während andere die Freiheit haben, sich auszuprobieren oder Fehler zu machen, habe ich das Gefühl, ich muss immer doppelt so vorbereitet sein, um ernst genommen zu werden.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum ich so detailgenau an meiner Notfall-Assistenz-App arbeite. Weil ich weiß, dass ich keine halbfertige Idee präsentieren kann. Weil ich mir keine Lücken erlauben darf. Weil ich schon im Voraus all die Fragen kenne, die auf mich zukommen werden. „Funktioniert das wirklich?“ – „Schaffst du das überhaupt?“ – „Wird das jemals umgesetzt?“
Aber genau deshalb sage ich: Jetzt erst recht.
Meine App soll beweisen, dass digitale Lösungen für persönliche Assistenz längst überfällig sind. Dass es nicht nur um eine Idee geht, sondern um eine reale Veränderung, die das Leben vieler Menschen verbessern kann. Eine Lösung, die dort ansetzt, wo der Alltag von Assistenznehmern und Assistenten es am dringendsten braucht – bei Verfügbarkeit, Flexibilität und Struktur.
Und vielleicht zeigt sie auch etwas anderes: Dass Menschen mit Behinderung nicht nur Betroffene sind, sondern selbst Lösungen schaffen können. Dass wir nicht nur diejenigen sind, die Unterstützung brauchen, sondern auch diejenigen, die Innovationen entwickeln.
Ich will nicht nur zeigen, dass es möglich ist, trotz einer Behinderung ein großes Projekt umzusetzen. Ich will der Gesellschaft den Spiegel vorhalten. Denn am Ende ist es immer eine Frage des Wollens – nicht nur für mich, sondern für alle.
Und genau deshalb gehe ich weiter. Nicht, weil ich muss. Sondern weil ich will. Und weil ich weiß, dass es sich lohnt.
