von Ilka Hannig
Die Begegnung von gestern geht mir nicht aus dem Kopf. Jemand sagte zu mir: „Menschen mit Behinderung, die Grundsicherung und volle Erwerbsminderung haben, sollten doch froh sein, dass sie vom Staat abgesichert sind. Warum willst du überhaupt arbeiten? Damit gefährdest du doch das ganze System.“
Dieser Satz hat mich tief getroffen. Es ist genau diese Denkweise, die verhindert, dass Menschen mit Behinderung als gleichwertige Mitglieder der Gesellschaft gesehen werden. Die Vorstellung, dass wir nur existieren dürfen, solange wir in ein festes Schema passen – versorgt, aber ohne eigene Möglichkeiten – ist nicht nur entmutigend, sondern auch falsch.
Ja, ich bin auf Unterstützung angewiesen. Ja, ich bekomme Grundsicherung, weil das System mir keine andere Wahl lässt. Aber heißt das, dass ich mich damit abfinden muss? Dass ich keinen eigenen Beitrag leisten darf, nur weil das System nicht darauf ausgelegt ist, dass jemand wie ich arbeiten möchte?
Natürlich habe ich einen Assistenzbedarf und somit auch einen Pflegegrad, aber das sucht sich doch niemand freiwillig aus! Das bedeutet auch nicht automatisch, dass ich nicht arbeiten könnte oder keine Fähigkeiten hätte. Ein Pflegegrad sagt nur aus, dass jemand Unterstützung im Alltag braucht – nicht, dass er geistig nicht in der Lage ist zu arbeiten oder sich einzubringen.
Ich durfte noch nie arbeiten – Menschen wie mir gibt man selten eine Chance
Ich durfte noch nie richtig arbeiten. Man gibt Menschen wie mir selten eine Chance. Vielleicht liegt es daran, dass viele Arbeitgeber sich unsicher sind, wie sie mit einer Person umgehen sollen, die Assistenz benötigt. Vielleicht fürchtet man sich vor zusätzlichem Verwaltungsaufwand oder möglichen Haftungsfragen. Vielleicht hat man Angst vor Schadensersatzforderungen, falls ich meine Wege finde und später Ansprüche stelle, weil ich jahrelang als „nicht arbeitsfähig“ galt.
Doch genau das ist das Problem: Wenn man uns keine Chancen gibt, wie sollen wir dann beweisen, dass wir leistungsfähig sind? Es entsteht ein Teufelskreis – wer nie arbeiten durfte, bekommt später auch keine Möglichkeiten mehr.
Sind unsere Grundrechte für Menschen wie mich außer Kraft gesetzt?
Ich frage mich ernsthaft, ob für Menschen wie mich gewisse Gesetze einfach nicht mehr gelten. Das Grundgesetz Artikel 3 Absatz 3 sagt klar:
➡ „Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“
Aber wenn ich arbeiten will und das System mich daran hindert – ist das nicht eine Benachteiligung?
Die UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK), die Deutschland ratifiziert hat, schreibt in Artikel 27 über das Recht auf Arbeit:
➡ „Die Vertragsstaaten anerkennen das gleiche Recht von Menschen mit Behinderungen auf Arbeit.“
➡ „Sie sollen den Zugang zu einem offenen, integrativen und für Menschen mit Behinderungen zugänglichen Arbeitsmarkt sicherstellen.“
➡ „Es muss sichergestellt werden, dass Menschen mit Behinderungen ihren Lebensunterhalt verdienen können, indem sie Arbeit frei wählen und akzeptieren können.“
Doch was passiert in Deutschland? Menschen mit Behinderung werden oft entweder in Behindertenwerkstätten gesteckt, wo sie weit unter dem Mindestlohn arbeiten, oder sie werden als „voll erwerbsgemindert“ eingestuft und von jeglicher Arbeitsmöglichkeit ausgeschlossen. Dazwischen gibt es nichts.
Was kostet es den Staat wirklich, wenn ich arbeiten möchte?
Oft wird argumentiert, dass Menschen mit Behinderung, die Grundsicherung und volle Erwerbsminderung erhalten, froh sein sollten, „vom Staat abgesichert“ zu sein. Aber was, wenn ich genau dieses System entlasten könnte, anstatt es zu „gefährden“?
Ich habe nachgerechnet:
Wenn ich nicht arbeite, bezieht der Staat für mich Leistungen wie Grundsicherung, Pflegegeld, Mietzuschuss, Assistenzkosten und Krankenkassenbeiträge. Das kostet den Staat 5.599 € pro Monat.
Wenn ich arbeite, verdiene ich selbst, zahle Steuern und Sozialabgaben. Zwar brauche ich weiterhin Assistenz und ein reduziertes Pflegegeld, aber insgesamt kostet der Staat mich dann nur noch 3.289 € pro Monat.
Die Ersparnis für den Staat liegt bei 2.310 € pro Monat – das sind 27.720 € pro Jahr.
Das zeigt ganz klar: Ich wäre für den Staat günstiger, wenn ich arbeite. Trotzdem hält mich das System davon ab, indem es mir die Rückkehr in den Arbeitsmarkt erschwert.
Eine weitere Nebenwirkung: Keine Rentenansprüche
Neben der finanziellen Abhängigkeit gibt es noch eine andere, viel langfristigere Konsequenz: Dadurch, dass ich nicht arbeiten darf, kann ich keine Rentenansprüche aufbauen.
➡ Wer nicht arbeitet, zahlt nicht in die Rentenkasse ein.
➡ Das bedeutet: Ich werde auch im Alter von der Grundsicherung abhängig bleiben.
➡ Selbst wenn sich meine Situation verbessert, werde ich nie eine eigene Rente haben.
Das System hält mich also nicht nur jetzt in der Grundsicherung fest – es sorgt auch dafür, dass ich nie eine Chance habe, aus dieser Abhängigkeit herauszukommen. Ich werde gezwungen, für den Rest meines Lebens in einem finanziellen Kreislauf gefangen zu bleiben, ohne Aussicht auf eine echte Altersvorsorge.
Warum darf ich nicht arbeiten?
Ich möchte arbeiten. Ich möchte etwas schaffen, das gebraucht wird. Ich möchte mit meiner Notfall-Assistenz-App nicht nur für mich eine Perspektive schaffen, sondern auch anderen Menschen mit Assistenzbedarf helfen, flexibel zu arbeiten und selbstbestimmt zu leben. Aber genau das ist nicht vorgesehen.
Warum wird es als Problem gesehen, wenn Menschen mit Behinderung sich ein eigenständiges Leben aufbauen wollen? Warum wird uns eingeredet, dass wir zufrieden sein sollen, obwohl das System uns nicht wirklich Teilhabe ermöglicht, sondern uns nur verwaltet?
Wenn das Grundgesetz und die UN-BRK uns ein Recht auf Arbeit, Selbstbestimmung und Inklusion garantieren – warum sieht die Realität dann anders aus? Sind diese Gesetze für Menschen wie mich außer Kraft gesetzt?
Ich werde nicht akzeptieren, dass ich mich einfach „damit abfinden“ soll. Ich will arbeiten. Ich will etwas beitragen. Und ich will, dass es für Menschen mit Behinderung echte Möglichkeiten gibt, an der Gesellschaft teilzuhaben – nicht nur als Empfänger von Leistungen, sondern als aktive Mitglieder.
Diese Begegnung hat mir gezeigt, wie tief verwurzelt diese Haltung in unserer Gesellschaft noch ist. Und genau deshalb werde ich weiter für Veränderung kämpfen. Denn Inklusion heißt nicht, dass wir nur mitlaufen dürfen – sie heißt, dass wir genauso teilhaben können wie alle anderen.
