von Ilka Hannig
Ich erzähle das hier ganz offen, weil ich immer wieder gefragt werde, warum ich nicht einfach über eine Behindertenwerkstatt in den Arbeitsmarkt eingestiegen bin. Schließlich sei das doch „eine gute Möglichkeit“ für Menschen mit Behinderung, einen Job zu finden. Doch für mich war von Anfang an klar: Ich gehöre da nicht hin.
Das Problem mit dem System der Werkstätten – und die gesetzlichen Hintergründe
In Deutschland gibt es für Menschen mit Behinderung kaum Alternativen zur Behindertenwerkstatt, wenn sie arbeiten möchten. Die gesetzlichen Regelungen im Sozialgesetzbuch (SGB IX, § 219 ff.) sind darauf ausgerichtet, Menschen mit Behinderung entweder in eine Werkstatt zu bringen oder sie als „voll erwerbsgemindert“ einzustufen. Ein flexibles Modell für Menschen, die mit Assistenz arbeiten könnten, existiert kaum.
➡ Einmal in einer Werkstatt, kommt man kaum mehr heraus. Laut SGB IX sollen Werkstätten eigentlich die berufliche Eingliederung in den allgemeinen Arbeitsmarkt fördern – die Realität sieht jedoch anders aus. Nur weniger als 1 % der Werkstattbeschäftigten schafft den Übergang in eine reguläre Anstellung.
➡ Werkstattlöhne liegen weit unter dem Mindestlohn. Nach § 221 SGB IX erhalten Beschäftigte in Werkstätten einen Grundbetrag von weniger als 2 Euro pro Stunde, oft ergänzt durch ein Leistungsentgelt – insgesamt aber weit unter dem Mindestlohn. Damit bleibt man finanziell abhängig von Sozialleistungen.
➡ Die gesetzliche Einstufung als „voll erwerbsgemindert“ (SGB VI, § 43) führt dazu, dass Menschen mit Behinderung, die einmal in einer Werkstatt arbeiten, häufig für den ersten Arbeitsmarkt „abgeschrieben“ werden. Es gibt kaum flexible Übergänge in den regulären Arbeitsmarkt.
Für manche Menschen sind Werkstätten wichtig – aber nicht für mich
Ich möchte ganz klar sagen: Für manche Menschen sind Werkstätten eine gute Lösung, und das soll auch so bleiben. Es gibt Menschen mit schweren kognitiven oder mehrfachen Behinderungen, für die das geschützte Umfeld einer Werkstatt eine sinnvolle Möglichkeit ist.
Aber für mich war das nie eine Option. Ich bin körperlich eingeschränkt und auf Assistenz angewiesen, aber das heißt nicht, dass ich weniger leisten kann. Ich wollte immer eine echte berufliche Perspektive – mit fairer Bezahlung, echten Entwicklungsmöglichkeiten und der Chance, mein Potenzial zu entfalten.
Das Problem: Pflegegrad und Arbeitsfähigkeit werden in Deutschland oft gleichgesetzt
Ein weiteres großes Problem ist, dass in Deutschland die Arbeitsfähigkeit oft automatisch infrage gestellt wird, wenn du einen Pflegegrad hast.
➡ Wer einen hohen Pflegegrad hat, wird oft als „nicht mehr belastbar“ eingestuft – egal, ob er mit Assistenz arbeiten könnte.
➡ SGB XI (Pflegeversicherung) und SGB VI (Erwerbsminderungsrente) sind nicht aufeinander abgestimmt. Wer Pflege braucht, wird oft als „arbeitsunfähig“ eingestuft – selbst wenn die Einschränkung nur den Alltag betrifft, nicht die Arbeitsfähigkeit.
➡ Menschen mit Assistenzbedarf haben kaum die Möglichkeit, auf dem ersten Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, weil es gesetzlich keine klaren Regelungen gibt, die den Übergang aus der Grundsicherung oder der vollen Erwerbsminderung in eine flexible Arbeitsform ermöglichen.
Das Leben an der Armutsgrenze – ein weiteres großes Problem
Ein weiterer blöder Nebeneffekt dieses Systems ist, dass man als Mensch mit Behinderung oft dauerhaft an der Armutsgrenze lebt.
➡ Sparen ist kaum möglich, weil das Einkommen in der Grundsicherung gedeckelt ist.
➡ Wenn man etwas dazuverdient, wird es fast komplett angerechnet – bis auf 30 %. Das heißt, von jedem Euro bleiben einem am Ende nur ein paar Cent.
➡ Viele müssen Kredite aufnehmen, nur um sich ein besseres Leben leisten zu können. Ehrlich gesagt, bei mir persönlich ist es genauso – auch ich zahle immer irgendwo einen Kredit ab, weil es finanziell einfach oft nicht reicht.
Deshalb schaffe ich mir meinen eigenen Job – für mehr Selbstbestimmung
Da mir das System keine echte Möglichkeit gibt, habe ich beschlossen, mir meine eigene Perspektive zu schaffen – mit meiner Notfall-Assistenz-App. Sie soll Menschen mit Assistenzbedarf helfen, kurzfristig Assistenz zu finden, um flexibel arbeiten zu können. Denn genau das fehlt vielen Menschen mit Behinderung: Die Möglichkeit, selbstbestimmt am Arbeitsmarkt teilzunehmen, ohne auf starre Systeme angewiesen zu sein.
Denn so, wie die Behindertenpolitik aktuell ist, passt sie für mich nicht zur UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK). In Artikel 27 der UN-BRK wird das Recht auf Arbeit und gleichberechtigte Beschäftigung für Menschen mit Behinderung gefordert. Doch in Deutschland werden viele von uns entweder als „nicht arbeitsfähig“ eingestuft oder in ein Werkstattsystem gedrängt, aus dem man kaum wieder herauskommt. Das ist nicht fair – und es ist auch nicht inklusiv.
Ich kämpfe für eine echte Alternative!
Die Behindertenpolitik in Deutschland braucht dringend ein Umdenken. Werkstätten dürfen nicht die einzige Option sein. Menschen mit Behinderung müssen die Möglichkeit haben, auf dem regulären Arbeitsmarkt tätig zu sein – mit Unterstützung, aber auch mit fairer Bezahlung und echten Chancen.
Ich werde weiter für eine inklusive Arbeitswelt kämpfen. Denn ich möchte nicht in ein System gedrängt werden, das mich klein hält – und das sollte niemand müssen.
