Warum es so schwer ist, aus der vollen Erwerbsminderung herauszukommen – und warum sich die Gesetzeslage ändern muss.

von Ilka Hannig

Ich erzähle das hier ganz offen, weil ich gestern danach gefragt wurde. Immer wieder werde ich mit der Frage konfrontiert, warum ich nicht einfach aus der vollen Erwerbsminderungsrente in eine Teilerwerbsminderung wechseln kann, wenn ich doch arbeiten möchte. Die Antwort ist ernüchternd: Das System lässt es kaum zu – und in meinem Fall ist es noch absurder, weil ich zwar als voll erwerbsgemindert gelte, aber nicht einmal eine Erwerbsminderungsrente bekomme.

Ich lebe mit einer körperlichen Einschränkung, bin auf Assistenz im Alltag angewiesen und stehe trotzdem ohne eigene finanzielle Absicherung da. Statt einer Rente bin ich auf Grundsicherung angewiesen, weil die Rentenkasse mich zwar als „nicht arbeitsfähig“ einstuft, mir aber dennoch keine Rente gewährt. Ein Widerspruch in sich, der zeigt, wie wenig flexibel das System ist.

Ich habe jahrelang versucht, aus dieser festgefahrenen Situation herauszukommen. Ich war vor Gericht, habe psychologische Tests durchlaufen, unzählige Gutachten über mich ergehen lassen – und trotzdem wurde mir der Weg zurück in den Arbeitsmarkt immer wieder verwehrt. Mein Hausarzt bescheinigt mir, dass ich 6 Stunden täglich arbeiten kann, doch die Rentenkasse sieht das anders. Mein Antrag auf eine schrittweise Wiedereingliederung wurde immer wieder abgelehnt.

Das Problem der gesetzlichen Lage

Die gesetzlichen Regelungen zur Erwerbsminderungsrente (§ 43 SGB VI) sind darauf ausgelegt, Menschen abzusichern, die dauerhaft nicht arbeiten können. Doch das eigentliche Problem liegt darin, dass es keine gesetzliche Tür zurück in die Erwerbsfähigkeit gibt, wenn die Rentenversicherung das nicht will.

Das bedeutet:

Man kommt leichter in die volle Erwerbsminderung als wieder heraus. Es gibt keine klaren Übergangsmodelle, keine Flexibilität für Menschen, die sich wieder herantasten möchten.

Es gibt keine Sicherheit für diejenigen, die es versuchen wollen. Wer wieder arbeitet, riskiert, sofort die Grundsicherung oder andere Unterstützungen zu verlieren – auch wenn das Einkommen nicht ausreicht.

Die Rentenkasse hat das letzte Wort. Selbst wenn medizinische Gutachten eine gewisse Arbeitsfähigkeit bescheinigen, kann die Rentenkasse eine Rückkehr in den Arbeitsmarkt verhindern.

Mein persönliches Fazit

Nach acht Jahren vor Gericht habe ich verstanden: Das Problem liegt nicht an mir, sondern an der Gesetzgebung selbst. Es braucht dringend eine Reform, die flexible Übergänge zwischen voller Erwerbsminderung und Teilzeiterwerbsfähigkeit ermöglicht – ohne dass Betroffene sofort ihre finanzielle Absicherung verlieren.

Ich bin körperlich eingeschränkt und benötige Assistenz, aber ich bin nicht blöd. Ich könnte mehr als 3,5 Stunden am Tag arbeiten – und ich würde es auch gerne tun. Doch das Gesetz gibt mir keine Möglichkeit dazu, weil es nur „ganz oder gar nicht“ kennt.

Meine Notfall-Assistenz-App – Ein Weg zu mehr Selbstbestimmung

Da mir das System keinen Platz gibt, um wieder selbstbestimmt zu arbeiten, habe ich beschlossen, mir meine eigene Perspektive zu schaffen. Mit meiner Notfall-Assistenz-App will ich nicht nur eine digitale Lösung für Menschen mit Assistenzbedarf entwickeln, sondern auch einen Job für mich selbst und langfristige berufliche Perspektiven.

Die App soll Menschen mit Assistenzbedarf schnell mit verfügbaren Assistenzkräften verbinden – unbürokratisch, flexibel und digital. Denn ein großes Problem für viele, die arbeiten wollen, ist die Unsicherheit in der persönlichen Assistenz. Was passiert, wenn meine Assistentin krank wird oder ausfällt? Wie kann ich kurzfristig Ersatz finden, um meinen Job nicht zu verlieren? Genau hier setzt meine App an: Sie soll helfen, Notfälle zu überbrücken und Assistenz flexibler zu organisieren.

Ich habe bereits ein starkes App-Entwickler-Team und ein professionelles Business-Team, ein detailliertes Konzept und erste Kundenanfragen. Doch wie so oft fehlt es an einer finanziellen Förderung, um das Projekt umzusetzen.

Denn immer nur ohne Geld zu arbeiten, ehrenamtlich tätig zu sein, ist keine Lösung. Ehrenamt ist wichtig, aber es darf nicht die einzige Option für Menschen mit Behinderung sein, die arbeiten wollen. Jeder Mensch hat das Recht auf eine berufliche Perspektive, auch wenn er Assistenz benötigt.

Meine Idee ist gut – und dafür werde ich kämpfen. Ich lasse mich nicht von bürokratischen Hürden oder veralteten Gesetzen aufhalten. Wer mich unterstützen oder Ideen hat, wie ich meinen Weg trotz voller Erwerbsminderung erfolgreich gehen kann, darf sich gerne bei mir melden. Denn Inklusion darf nicht an starren Gesetzen scheitern – und Selbstbestimmung muss für alle möglich sein!

So würde ich mir nicht nur einen Job, sondern eine echte persönliche Perspektive schaffen – und ich werde nicht aufgeben, bis es möglich ist.

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